Von Janusz Tycner

Schneeregen, Matsch, magerer Lehm klebt an den Schuhsohlen. Totenstille. Keine Menschenseele verirrt sich bei diesem Wetter in die hügelige Einöde vor den Toren Krakaus, wo ein mit Moos bewachsener Gedenkstein an das Martyrium der Juden erinnert und ein schlichtes Kreuz für die ermordeten Polen in den Himmel ragt.

Das Gelände des ehemaligen Zwangsarbeitslagers und späteren KZ Plaszow, ein Tal zwischen zwei kahlen Anhöhen, gleicht von hier oben zwei unbedruckten Seiten eines aufgeschlagenen Buches, das man ein wenig schräg hält. 180 Baracken haben einmal da unten gestanden. 40 000 Häftlinge – 35 000 Juden, denen man nach der barbarischen Liquidierung des Krakauer Ghettos eine Gnadenfrist eingeräumt hatte, und 5000 Polen – schufteten zwischen 1942 und 1945 in diesem Jammertal für Deutschlands Kriegswirtschaft. Etwa 10 000 Menschen starben in Plaszow.

Es geschah gewöhnlich auf diesem Hügel, dem Hujowa Gorka, wie ihn die Gefangenen nannten. Knapp drei Jahre lang verrichteten SS-Oberscharführer Albert Hujer und die Seinen hier, in der kreisrunden Mulde einer alten österreichischen Artilleriestellung, ihr grausames Werk, brachten sie Menschen um: Juden aus dem Lager, die arbeitsunfähig geworden waren; Juden, die mit falschen „arischen“ Papieren im für „judenfrei“ erklärten Krakau aufgegriffen worden waren; polnische Häftlinge; Zigeuner; der Konspiration gegen die Besatzer bezichtigte Polen, die aus dem Krakauer Montelupich-Gefängnis auf Lkw herangekarrt wurden.

Der Ablauf änderte sich selten. Ausziehen. Nackt in die Grube springen. Mit dem Gesicht zum Boden legen. Hören, wie andere erschossen werden. Die letzten Sekunden des Lebens zählen. Aufschreien vor Angst und Schmerz, wenn Hujer seinen schweren Stiefel zwischen die nackten Schultern rammte und den Lauf seiner Pistole ans Genick setzte.

Ein Häftling, die bluttriefende Zange in der Hand, brach den Toten die Goldzähne aus, andere schütteten die Leichen zu. Die Kleidung der Ermordeten, geflickt und gereinigt, wurde ins Reich geschickt, die Not ausgebombter Volksgenossen zu lindern. Als die Mulde voll war, verbrannte man die Leichen oder verscharrte sie in den umliegenden Wäldern. Es gab bis zur Befreiung nur ein Entkommen aus dieser Hölle: durch die Krematorienschornsteine von Auschwitz, Groß-Rosen, Mauthausen, Stutthof.

Viele ehemalige Häftlinge haben heute Mühe, präzise zu beschreiben, wo die Schlossereien, Tischlereien, Uniformschneidereien standen oder wo die kleine Druckerei der SS gewesen ist, deren Drucker nach Fertigstellung einer Partie geheimer Papiere erschossen wurde. Nur ein Orientierungspunkt ist geblieben, die Kommandanten-Villa von SS-Hauptsturmführer Amon Göth, der sich einen Sport daraus machte, vom Balkon mit Blick über das Lager irgendeinen Häftling, der ihm zufällig vors Gewehr kam, zu erschießen.