Von Michaela Namuth

Luciano Benetton ist mit bonbonbunten Pullovern und knallharter Werbung reich geworden. Jetzt erfüllt er sich mit dem Ersparten einen alten Traum: Der Textilfabrikant aus Venetien sichert sich einen Anteil an jener Macht, mit deren Hilfe es ein einfacher italienischer Unternehmer zum einflußreichen Industriellen bringen kann. Benetton steigt in das Zeitungsgeschäft ein.

Seit Anfang März wird die Tageszeitung la Voce (Die Stimme) mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren unter das italienische Volk gebracht werden. Chefredakteur und Galionsfigur des neuen Blattes ist Indro Montanelli. Der 86jährige Doyen des italienischen Journalismus hat vor kurzem seinen Chefsessel bei II Giornale geräumt – aus Protest gegen den Verleger Silvio Berlusconi. Der Fernsehmogul und Herr über mehrere Zeitungen hatte versucht, seine Zeitung im Wahlkampf für seine rechtskonservative Partei Forza Italia einzuspannen. Der eigensinnige alte Herr wechselte ins feindliche Lager.

„Bei la Voce muß Montanelli nicht fürchten, daß sich die Verleger in redaktionelle Fragen einmischen“, versichert Luciano Consoli, Geschäftsführer der Verlagsgesellschaft Piemmei und Sympathisant der reformkommunistischen Linksdemokraten um Achille Occhetto. Die Piemmei ist eine Vereinigung kleiner und mittlerer Unternehmen, an deren Spitze sich nun Luciano Benetton gesetzt hat.

Die junge Verlegergemeinschaft möchte alles anders machen: Keinesfalls soll ihr Blatt in der Tradition der Industriellenclans Agnelli und Ferruzzi geführt werden, die in den achtziger Jahren bedeutende Tageszeitungen wie Corriere della sera und II Messagero aufkauften und auf Familienkurs trimmten. Bei la Voce soll kein Investor eine politische Linie vorgeben, auch kein Benetton, der bis vor kurzem für die liberalen Republikaner im italienischen Senat saß.

Die kleinen und mittleren Unternehmer, denen sich auch Handwerkskammern und Genossenschaften angeschlossen haben, verfolgen dennoch ein gemeinsames Interesse: Sie haben es satt, daß in der Confindustria, dem Verband der Industrieunternehmen, die Großkonzerne den Ton angeben. Dabei waren die kleinen und mittleren Unternehmen in den achtziger Jahren die Protagonisten des Booms made in Italy. Auch in der gegenwärtigen Krise beweisen sie Widerstandskraft, während die hochverschuldeten und in Korruptionsaffären verstrickten Großen am Tropf ihrer Gläubigerbanken hängen. Und während die Großen, allen voran der Autogigant Fiat, unverdrossen Subventionen einstreichen, haben die Mittelständler meist das Nachsehen. Consoli fordert denn auch: „Wir wollen jetzt mitreden, wenn in der Zweiten Republik Italien die Regeln neu bestimmt werden. Dazu brauchen wir eine eigene Zeitung.“ La Voce erscheint gerade noch rechtzeitig, um im Finale vor den Parlamentswahlen am 27. März die Stimme zu erheben.

Consoli & Co. verstehen sich als Speerspitze des aufgeklärten Bürgertums, das angetreten ist, die Oligarchie der Großindustriellen im Zeitungsgeschäft zu brechen. Doch sie sind nicht die einzigen. Allenthalben schließen sich finanzkräftige Unternehmen zusammen, um ihren unterschiedlichen politischen Interessen Nachdruck zu verleihen. Der Küchenhersteller Zanussi und der Textilfabrikant Rivetti sind am Kapital der Mailänder Tageszeitung L’Indipendente beteiligt. Das Blatt wurde vor zwei Jahren gegründet und unterstützt die rechtspopulistische Lega Nord. In Rom hat sich eine Investorengruppe von Unternehmern und Kaufleuten zusammengefunden, um die Tageszeitung II Messagero vom Ferruzzi-Konzern zu übernehmen. Auch auf die einstige Hofgazette des gestürzten sozialistischen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, II Giorno, haben es die Mittelständler abgesehen. Angeführt werden die Geschäftsleute von dem Schuhfabrikanten Luigino Rossi und von Gilberto Benetton, dem Bruder des Pulloverkönigs. Ob ihnen der verschuldete Staatskonzern ENI das Blatt überlassen wird, ist allerdings ungewiß. Die von Korruptionsaffären gebeutelten Sozialisten machen auch heute noch ihren Einfluß geltend. Sie trennen sich nur höchst ungern von ihrem Hätschelkind.