Von Ulrich Schnabel

Trauerarbeit müssen Amerikas Hochenergiephysiker jetzt leisten. Tief sitzt der Schock, den die Entscheidung gegen den Superconducting Super Collider (SSC) ausgelöst hat. Die größte Forschungsmaschine der Menschheit sollte die geplante Teilchenschleuder werden; jetzt steht die scientific Community vor dem größten Flop ihrer Geschichte. Kein Wunder, daß die Elementarteilchenphysiker verunsichert sind. Auf der diesjährigen Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) leckten sie einen ganzen Nachmittag ihre Wunden und versuchten, die bange Frage nach der Zukunft ihrer Zunft zu beantworten. Bedeutet die Entscheidung des amerikanischen Repräsentantenhauses etwa, daß die Suche nach den immer kleineren Grundbausteinen dieser Welt ihre Götterdämmerung erlebt?

Glaubt man den Statements der amerikanischen Politikvertreter, so deutet darauf allerdings nichts hin. Die Erklärung für das SSC-Debakel lautet schlicht und einfach: kein Geld. So beklagte John Gibbons, der Wissenschaftsberater Bill Clintons, den „enormen Druck auf das Budget“, dem im letzten Jahr nicht nur das Großprojekt der Hochenergiephysik, sondern auch die Raumstation „Freedom“ zum Opfer fiel. Beides Vorhaben, die nicht nur teuer, sondern auch einigermaßen esoterisch waren.

Mit der 87 Kilometer langen Teilchenrennbahn wollten sich die Amerikaner zum Beispiel an die Spitze der Hochenergiephysik katapultieren. Mit der Riesenschleuder hofften sie, sowohl das lange gesuchte Top Quark, wie auch das ominöse Higgs-Teilchen endlich dingfest zu machen. Ob denn niemand den Politikern die Wichtigkeit dieses Projektes hätte klarmachen können, fragte ungläubig ein Physiker auf der AAAS-Tagung. Doch die Antwort von James Paul, einem Vertreter des Repräsentantenhauses, wirkte wie eine kalte Dusche: „Well folks, also, Leute“, meinte dieser, „laßt mich euch eines sagen: Wenn es darum geht, entweder neue Jobs zu schaffen oder eine wissenschaftliche Führungsposition zu erringen, dann sind Jobs wichtiger.“ Ein gefundenes Fressen für Kritiker waren die Kosten des SSC-Ringes gewesen, die im Laufe von zehn Jahren von geschätzten 4,5 Milliarden Dollar auf über 11 Milliarden emporschnellten. Das Fachblatt Science verlieh der Teilchenschleuder schon früh den ironischen Ehrentitel „Big Bang des Budget-Blähens“. Selbst der Elementarteilchenphysiker und Nobelpreisträger Burton Richter monierte auf der AAAS-Tagung, der SSC sei „das am schlechtesten gemanagte Projekt (gewesen), das wir je in der Hochenergiephysik hatten“.

Zwei Milliarden davon sind bis dato schon verbaut. Am geplanten Standort Waxahachie im Staate Texas gähnt jetzt ein gigantisches Loch. Mehrere Kilometer eines unterirdischen Tunnelsystems stehen leer, und niemand weiß so recht, was mit diesem „hochspezialisierten Loch“ (John Gibbons) anzufangen ist. Vorschläge, die fünfzig Meter tief gelegene Röhre für ein medizinisches Bestrahlungszentrum zur Krebsbehandlung zu nutzen, erwiesen sich als unrealistisch. Besonders ärgerlich für die Bauherren ist, daß das texanische Loch noch mindestens eine Milliarde Dollar verschlingen wird – soviel kosten allein schon die Ausfallhonorare und die abschließenden logistischen Planungen.

Doch wie geht es für die Physiker nun weiter? Schließlich sollte der gigantische Teilchenzertrümmerer nicht nur ein amerikanisches Prestigeobjekt werden, sondern auch die entscheidenden Energien liefern, um der Mikrowelt ihre (vorerst) letzten Geheimnisse zu entreißen. Der Fund des Higgs-Teilchen sollte zum Beispiel endlich Aufschluß über die wahre Natur der Gravitation geben. Und das Top-Quark ist das letzte noch fehlende Mitglied der Quark-Familie, der fundamentalen Bausteine unserer materiellen Welt. Schließlich sind die Ergebnisse der Elementarteilchenphysiker auch für Kosmologen interessant, denn die Struktur des Universums hängt eng mit den Theorien des Allerkleinsten zusammen. Esoterik? Allemal, doch immerhin nachprüfbare. Ein „Teil menschlicher Kultur“, wie Herwig Schopper, der frühere Generaldirektor des europäischen Beschleunigerzentrums CERN, immer wieder betont? In der Tat, auch wenn sich diese Kultur nicht unbedingt jedem erschließt. Die teuren Spielzeuge der Elementarteilchenphysiker werden daher auch in Zukunft unter Rechtfertigungsdruck stehen. „Derzeit gibt es viele Abgeordnete“, meint etwa James Paul, „die sehen, daß bei diesen Projekten mehr draufgezahlt wird als hereinkommt. Bevor ihr das nicht beantworten könnt, werdet ihr ziemliche Probleme haben.“

Altmeister Burton Richter, der in Stanford den weltgrößten Linearbeschleuniger (SLAC) leitet, widersprach im Namen der Zunft: „Ich denke, Sie brauchen sich nur umzuschauen, um zu sehen, was die Wissenschaft für uns getan hat.“ Hochenergiephysiker hätten jedoch das Problem, den Zeitmaßstab zu vermitteln, in dem ihre Arbeit Früchte trägt: „Grundlagenforschung braucht eben Zeit“, meinte Richter. Seinen Kollegen, die von dem SSC-Schock immer noch leicht traumatisiert scheinen, machte er gleichzeitig Mut: Es gebe noch jede Menge offener Fragen in der Hochenergiephysik, die auch ohne Beschleunigerexperimente oder mit bestehenden Einrichtungen beantwortet werden können.