Von Fredy Gsteiger

Der starke Mann in unserem Land ist eine Frau! Das Bonmot, das voriges Jahr nach der Kür von Tansu Çiller zur türkischen Ministerpräsidentin die Runde machte, ist so flott wie falsch. Das Sagen am Bosporus hat keineswegs die ehrgeizige und energische Wirtschaftsprofessorin. Nein, heute bestimmen (wieder) die Militärs, allen voran Generalstabschef Dogan Güres. Mal kanzelt er die Regierungschefin ab, mal bevormundet er sie gönnerhaft.

Wilde Gerüchte künden seit der Verhaftung von sieben kurdischen Parlamentsabgeordneten in der vergangenen Woche schon vom nächsten Militärputsch. Doch wozu sollte er dienen? Ein Staatsstreich der Generale ist überflüssig. Sie halten die Macht längst in den Händen.

An eine wirkliche Demokratisierung der Türkei haben viele Europäer nie geglaubt. Deshalb haben sie auch nur wenig getan, um sie zu fördern. Dabei ging verbreitetes Unwissen über die ernsthaften Bemühungen um mehr Liberalisierung Ankaras häufig einher mit einer guten Portion an Vorurteilen gegenüber Türken im besonderen und Muslimen im allgemeinen. Etwa wenn behauptet wurde, ganz vollwertig europäisch sei das Land nicht; „das Asiatische“ dringe halt immer wieder durch...

Zugleich hat jedenfalls das offizielle Westeuropa die türkische Kurdenpolitik selten entschieden verurteilt. Die Kurden leben in ihren fernen Bergen oben, im weltpolitischen Abseits – und die Türkei ist schließlich ein wackerer Nato-Partner.

Die gefährliche Zuspitzung verböte spätestens jetzt die bisher übliche, distanziert-pikierte Betrachtung: 4200 Menschen wurden allein 1993 im Bürgerkrieg getötet. Längst hat er, ausgehend von Südostanatolien, die Großstädte im Westen des Landes erreicht. Mißliebige Journalisten werden umgebracht oder schikaniert, Hunderte von Dörfern wurden zerstört, Menschenrechte werden mit Füßen getreten, und die noch vor kurzem aufblühende Wirtschaft bricht ein. – Vor dem kurdischen Neujahrsfest am 21. März, vor den landesweiten Kommunalwahlen sechs Tage später, plant die terroristische Kurdenpartei PKK den „blutigsten Befreiungsschlag der Geschichte“; die türkische Armee läßt sich ihrerseits nicht lumpen und rüstet zum erbarmungslosen und „endgültigen“ Gegenschlag.

Tausend Jahre lang bestimmten Militärs die Geschicke des türkischen Reiches; seit 25 Jahren erst wird die parlamentarische Demokratie geprobt. Wer da jeweils obsiegt, wenn es hart auf hart geht, ist klar. So auch diesmal. Ohnmächtig steht die Regierung an der Seitenlinie, während der Kurdenkrieg das Land politisch um Jahre zurückwirft. Mit seiner verfehlten Kurdenpolitik macht Ankara selber mühsam erreichte Fortschritte zunichte. Nach der jüngsten Verhaftung von Parlamentariern scheint nun auch die allerletzte Brücke zum Dialog abgebrochen. Türken und Kurden sehen einander als bittere Feinde, nachdem sie zuvor immerhin leidlich zusammengelebt hatten. Die Zukunft sieht stockfinster aus.