Langer Eugen, der: Denkmal aus der mittleren Bundesbonner Periode, zur Zeit noch Bürohochhaus für die Abgeordneten. Begnügten sich Politiker und Beamte anfangs mit Baracken und Kasernen, so markiert der Bau des L.E. das Ende des Provisoriums Bonn, auch wenn die Abkehr davon um so mehr mit Reden über seine Fortdauer garniert wurde. Die jüngste Bonner Bauperiode schließlich ist von einem beispiellosen Boom gekennzeichnet, der sich angesichts des bevorstehenden Umzugs nach Berlin rational nicht mehr erklären läßt, zumal schon die Weiterverwendung der bestehenden Gebäude noch völlig unklar ist.

Obwohl das Abgeordnetenhochhaus unter den meist einfallslosen Zweckbauten, die der Bund in Bonn hinterläßt, keine Ausnahme macht, hat es doch als einziges Gebäude einen Spitznamen erhalten. Namenspatron ist der frühere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, in dessen Ägide der Bau zwischen 1966 und 1969 ausgeführt wurde. Der Spitzname richtete sich gegen den kleinen, vermutlich auch deshalb sehr energischen, oft herrischen und darum mehr respektierten als beliebten Präsidenten. Eine andere weniger bekannte Bezeichnung ist „Eugens Rache“ – welche die Parlamentarier täglich fühlen, wenn sie in einem der 567 Büroräume und 20 Sitzungssäle arbeiten müssen.

Tatsächlich ist der Bau ohne Rücksicht auf die Praxis nach den Idealvorstellungen konzipiert worden, die sich sein Architekt Eugen Eiermann vom parlamentarischen Leben machte. In den meisten der 29 Etagen gibt es eine riesige Lobby, an deren Außenseiten winzige Büros kleben. Hat der Aufenthalt darin etwas Zellenhaftes, so findet der für die Lobbys gedachte zwanglose Verkehr zwischen Volksvertretern und Volk jedoch schon deshalb nicht statt, weil das Gebäude aus Sicherheitsgründen für Unbefugte gesperrt ist.

Daß der L.E. dennoch eine unübersehbare Rolle spielt, verdankt er seiner Länge. Mit 106 Metern ist er das höchste Bonner Gebäude. Von der Innenstadt her versperrt er den Blick auf das anmutige Siebengebirge, das schönste, schon von den englischen Romantikern gefeierte Panorama, das Bonn bieten kann. In umgekehrter Perspektive verunstaltet der Rasterklotz die ehedem nicht weniger anmutige Bonner Silhouette, die allerdings durch das Betongebirge des Stadthauses ohnehin zerstört worden ist. Gegen die sanften Schwünge der Rheinlandschaft wirken beide Gebäude wie eine drohende Herrschaftsgebärde.

Um so mehr gewinnen sie aber auch den Charakter von Denkmälern. Steht das Stadthaus für die Zeit kommunaler Großspurigkeit, in der man glaubte, unabänderlich Bundeshauptstadt zu bleiben, so ist der L.E. Stein gewordenes Zeugnis für die rücksichtslose Selbstbezogenheit, mit der sich der Bund oft gegen die Außenwelt abschirmt. Symbolisch erscheint nun aber auch, daß der L.E. eines nicht mehr fernen Tages leer stehen und an jenen Vers des Dichters Bert Brecht erinnern könnte, in dem es heißt, daß von diesen Städten bleiben werde, was durch sie hindurchging: der Wind.

Mit dem „Langen Eugen“ beschließen wir unseren Ausflug ins Bundesdeutsche