Von Rob Kieffer

Hier soll Buddha residieren? In der finsteren Tiefgarage unter dem Einkaufskomplex Olympiade an der Avenue d’Ivry stinkt es nach Auspuffgasen. Leute huschen vorbei, um im Labyrinth des muffigen Parkhauses zu verschwinden. Gerade einladend wirkt das Pariser Domizil des ostasiatischen Gottes nicht. Aus einer Türöffnung dringen gedämpftes Licht und esoterische Klänge. Die Phantasie geht durch: Vielleicht ist dort eine Opiumhöhle verborgen? Hat man nicht gelesen, daß die weitverzweigten asiatischen Geheimbünde und Gangstersyndikate auch im Schatten des Eiffelturms aktiv sind, Schutzgelder erpressen und mit Drogen handeln?

Doch es besteht kein Grund zur Gänsehaut. Über der Tür hängt ein Transparent: "Tempel der Vereinigung chinesischer Einwanderer". Schüchtern tritt der Fremde ein und fühlt sich sofort in eine mysteriöse Welt versetzt. Auf einem Altar hockt Buddha in seiner ganzen Leibesfülle, auf einem anderen die zierliche taoistische Göttin Guan-In. Die Schwaden der Räucherkerzen wabern durch den Tempelraum mit seinen gold- und scharlachfarbenen Dekors, mit seinen seidenen Wandbehängen und seinen vielfarbigen Kreppbanderolen. Von einem Band ertönt Harfen- und Xylophon-Musik. Lautlos treten Leute mit asiatischen Gesichtszügen ein, verneigen sich und legen Opfergaben vor den Gottheiten nieder. Manche spenden symbolisch Objekte des Wohlstands, verbrennen falsche, spielgeldähnliche Dollarscheine oder Farbphotos von Fernsehgeräten und Kühlschränken. Andere türmen Berge von frischem Obst vor den Votivstatuen auf oder schleppen bis zu 25 Kilo schwere Reissäcke heran, dies alles, um die Götter gnädig zu stimmen und das Glück zu beschwören.

Wieder im Freien, auf der belebten Avenue d’Ivry mitten im 13. Arrondissement. müssen sich die Augen erst ans Tageslicht gewöhnen. Doch dann fallen sofort die rot-goldenen Zeichen auf den Neonreklamen auf, die steinernen Drachen und Löwen, die grimmig vor Geschäften mit Woks und Teegeschirr wachen, die Werbetafeln für chinesisches Tsingtao-Bier oder für Charterflüge nach Hongkong. Längst wird das von der Avenue d’Ivry, der Avenue de Choisy und dem Boulevard Massena geformte Dreieck als "Chinatown an der Seine" bezeichnet. In der französischen Metropole lebt die größte asiatische Gemeinde Europas, die sich jedoch jeder Zählung entzieht, weil die von Schlepperbanden eingeschleusten Immigranten natürlich einen großen Bogen um die Einwohnermeldeämter machen. Schätzungen sprechen mal von 30 000, mal von 40 000 Pariser Residenten chinesischen Ursprungs. Sie kommen vorwiegend aus den früheren französischen Einflußgebieten in Indochina, also Vietnam, Laos und Kambodscha, aber auch aus der Volksrepublik China, aus Taiwar, Hongkong und Korea.

Die ersten chinesischen Einwanderer stammten aus der Hafenstadt Wenzhou, 400 Kilometer südlich von Shanghai. Sie waren im Ersten Weltkrieg angeworben und nach Frankreich gebracht worden. Dort fristeten sie ein erbärmliches Dasein als geringgeschätzte Kulis, schufteten in den Waffenfabriken, räumten Minenfelder oder bestatteten bei Kriegsende die Leichen aus den Schützengräben. Nachkommen der Leute von Wenzhou leben noch heute in Paris, in den engen Straßenzügen in der Nähe der Metrostation Arts et Metiers im 3. Arrondissement. Innerhalb der chinesischen Diaspora bilden sie eine geschlossene Gesellschaft mit eigenem Dialekt, eigenen Restaurants und winzigen Konfektionsateliers. Viele dieser Nähstuben, in sinistren Gassen wie aus einem Zola-Roman versteckt, arbeiten illegal und beschäftigen Tagelöhner für ein Spottgeld. Die ausgebeuteten Schneider werden obendrein in Massenquartiere gepfercht, wo sie in Schichten schlafen müssen.

Die asiatische Einwohnergruppe vergrößerte sich erheblich, als es von 1975 an Tausende von Boat-people "wie Gestrandete eines Ameisenhaufens", so das Nachrichtenmagazin L’Express, nach Paris verschlug. Wie bereits zahlreiche chinesische Emigranten vor ihnen fanden die Flüchtlinge billige Unterkunft in den sterilen, bis zu dreißig Stockwerke hohen und wegen ihrer Häßlichkeit von den Einheimischen verlassenen Appartementsilos des 13. Arrondissements. Die Hinzugezogenen brachten mit ihrem Bienenfleiß das abgetakelte Hochhausviertel zu neuem Erblühen. Weit über 150 asiatische Restaurants sowie die schillerndsten Geschäfte machten auf. Im hektischen. Betrieb der Speisehäuser, manche nicht größer als eine kantonesische Garküche, werden die seltenen französischen Wortfetzen von vietnamesischen oder kambodschanischen Dialekten übertönt. Frühmorgens verzehren dort die Stammkunden fritiertes Weizengebäck, das mit heißer Sojabohnenmilch serviert wird, und lesen die in Paris produzierte chinesische Tageszeitung Ouzhou Ribao, die mit ihrem stramm antikommunistischen, protaiwanischen Kurs eine beachtliche Auflage von 25 000 Exemplaren erreicht hat.

In diesem gelben Dreieck gibt es Boutiquen mit Kung-Fu-Filmen, Mah-Jongg-Brettspielen und kitschig-schönen, leuchtbojenroten Hochzeitsröcken; es gibt obskure Aphrodisiaka-Läden. Über mancher Tür hängt ein Spiegel, um die bösen Geister abzuschrecken. Beim berühmten Bäcker Yu Nghy (67, Avenue d’Ivry) meistern französische Kunden die Sprachbarriere – nur wenige asiatische Verkäufer sprechen Französisch –, indem sie vor dem Schaufenster auf die gewünschten Leckereien zeigen: mit Soja und Garnelen gefüllte Krapfen, Torten mit Kokosnuß- und Bananensahne, Croissants mit Schweinefleisch, Klebreisbällchen und glibberiges Algengelee in fluoreszierenden, giftgrünen Farbtönungen. In der Haushaltsabteilung von Paris Store (44, Avenue d’Ivry) sind Porzellangeschirr, Eßstäbchen, Jadefiguren, Gongs, Buddhas, Rattanmöbel und verschnörkelte Fächer bis zu zwei Drittel preiswerter als in den asiatischen Läden in den schickeren Pariser Shoppingvierteln.