Die ganze Woche lang tun wir hier so liberal rum und kommen zu nichts. Die ganze Woche lang spielen wir hier die Toleranten und zollen brav den alten, längst gewechselten Paradigmen Tribut, dem Feminismus oder der Avantgardekunst, und Summerhill wird uns unter der Nase weggeschlossen, das merken wir nicht mal vor lauter Schlaffheit.

Aber am Wochenende. Am Wochenende bricht es aus uns heraus. Da gehen wir in die Knie vor unseren eigenen geheimen Wünschen nach Strenge, Ordnung, Disziplin. Da ziehen wir die Gardinen zu, werfen den Schlabber-Nicki ins Eck, binden fest die Krawatte um und versinken heimlich in unser eigenes Spiegelbild: So schön, so klar, so einfach könnte alles sein. Gebt uns ein Leitbild! rufen wir. Gebt uns ein Leitbild!

Am vergangenen Samstag, endlich!, rief es zurück. Rief es uns an aus der Sonntagsbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort hat man nun auch auf dem Gebiet der Künste (aller Künste? aller Künste!) das leidige Experiment der antiautoritären Erziehung im Handstreich beendet. Das gesamte Feuilleton-Korps der FAZ nimmt seinen Erziehungsauftrag wieder ernst und übernimmt die Vormundschaft über die ganze schlabberige, verwahrloste Künstlerei.

„Das Prinzip Handwerk“ steht über den zwei Seiten; erst fordert Frank Schirrmacher von den Künstlern die Abkehr vom „Spontanen“ und „Intuitiven“ und die Rückkehr zur Könnerschaft. Und dann muß die ganze Feuilleton-Mannschaft in einer Reihe antreten und Schirrmachers Thesen Waffengattung für Waffengattung belegen.

Der Gedanke ist einfach, es mußte nur einer drauf kommen: Nicht mehr bloß denken, sondern Direktiven ausgeben. Tagesbefehle! Nicht mehr diskutieren, sondern auf Linie bringen. Meinungsführerschaft erkämpfen, etappenweise. Endlich unterscheiden zwischen gut („Technik“, „Hierarchie“, „straffe Organisation“) und böse („Konfusion und Lähmung“, „verstiegenes Geniebewußtsein“). Konkret: zwischen Ulla Hahn (jaaaa!) und Rainald Goetz (iiihh!).

Schon greift die Offensive. Auch bei der ZEIT wird nun mancher lang gehegte Traum wahr: Der Verlag hat die Einführung von Redaktionsuniformen endlich genehmigt. Die Schlaffheit hat ein Ende. Wir ziehen die Gardinen auf. Wir treten ans Licht. Danke, FAZ!

Finis