Von Joachim Fritz-Vannahme

München

Im Maximilianeum fehlt einfach ein Taxonom. Der Bayerische Landtag setzte heuer schon seinen sechsten Untersuchungsausschuß in dieser Legislaturperiode ein, übrigens ohne große Gegenwehr der Staats- und Regierungspartei CSU. Besagter Taxonom hätte eine Stufenleiter der Skandale zu entwickeln, aufsteigend von der niederen zur höheren Art.

In dieser Scala scandali müßten auch jene Varianten berücksichtigt werden, die von den Untersuchungen der Volksvertreter nicht oder noch nicht erfaßt wurden. Ein Beispiel ist die wundersame Verdoppelung der Ministerpräsidentenbezüge unter Franz Josef Strauß und Max Streibl. Zum Amtsgehalt von 390 000 Mark kamen seit 1984 jährlich weitere 300 000 Mark für ihre "Arbeit" als Testamentsvollstrecker der ebenso ehrenwerten wie in diesem Punkt einfältigen Baur-Stiftung.

Gewiß hatten sich die inzwischen verstorbenen Versandhausunternehmer aus Burgkunstadt das ganz anders gedacht. Jedenfalls läßt das geänderte Testament der verwitweten Kati Baur von 1977 dies vermuten, mit dem sie das zwanzig Jahre zuvor gemeinsam mit ihrem Mann aufgesetzte Vermächtnis korrigieren wollte. Der Versuch scheiterte, denn ihr Testament, dem natürlich die zweite Unterschrift fehlte, wurde vom Gericht nicht anerkannt. So gerieten der gute Wille der Stifter und der Erfolg des Baur-Versands für Strauß und Streibl zum Geschäft.

Das schlechte Gewissen packte keinen der beiden Landesväter, sondern erst ihren Nachfolger Edmund Stoiber, der die Apanage ausschlug. Strenge Zucht und preußischer Stil sollten mit seinem Amtsantritt vergangenes Jahr in die Staatskanzlei einziehen. Freilich, "da Stoiba" fing seine Karriere just in der Staatskanzlei unter Franz Josef Strauß an, als die Sitten dort noch locker waren. Das brachte Stoiber dieser Tage den Vorwurf des Spiegels ein, auch er, dieser erste Gerechte an unheiligem Ort, habe sich 1983 einen Kurzurlaub an der Côte d’Azur vom Strauß-Spezi und Steuerflüchtling Eduard Zwick spendieren lassen. Dem Fiskus schuldet der "Bäderkönig" noch immer 68 Millionen Mark.

Wer in der CSU dem Spiegel, der sonst nicht gerade am bayerischen Stammtisch Sitz und Stimme hat, die Belege für diese Reise gesteckt und diese "Hinterfotzigkeit" (Stoiber) wachgekitzelt hat – diese Frage avancierte mittlerweile zum liebsten Gesprächsthema zwischen "Augustiner" und "Pschorrkeller". War’s der Tandler Gerold, der stellvertretende Parteivorsitzende, der bis zum Hals in der Zwick-Affäre steckt und mit dem Stoiber längst gebrochen hat? Oder der junge Zwick, der in Untersuchungshaft nichts mehr zu verlieren hat? Oder gar der Streibl-Max, dem dieser Tage seine uralte, schwarzbraune Freundschaft mit Franz Schönhuber Ärger einbrachte, weil er den Republikanerführer zu Hause empfing, wo doch dessen Partei vom bayerischen Verfassungsschutz observiert und von jedem linientreuen CSUler tunlichst gemieden wird?