N3, Sonntag, 13. März, 22.45 Uhr: „Der arme Herr Schmitt“

So einer englischen Dokumentation von 1987, die über achtzig Minuten dauert und einen kryptischen Titel führt, die teilweise untertitelt ist und einen Korruptionsskandal von vor zwanzig Jahren diskutiert, traut man an sich alles zu – nur nicht den Klassiker.

Doch der „inszenierte Dokumentarfilm“ von Murray Martin, Steve Trafford und einigen ihrer Kollegen der Filmgruppe Amber hat alles, was es dazu braucht. Er behandelt einen großen Stoff, die „Poulson-Affäre“, einen Bestechungsskandal, der 1972 zum Rücktritt des konservativen Innenministers Maudling führte und das politische System in England erschütterte wie kein anderer in diesem Jahrhundert. Und er entwickelt dafür einen eigenen Dokumentationsstil in der Art der docufiction. Diese Form, die fiktive und dokumentarische Elemente mischt, wurde in Deutschland durch die Arbeiten von Heinrich Breloer bekannt. Breioers „dokumentarische Fernsehspiele“ über Herbert Wehner, die Barschel-Affäre und den coop-Skandal enthalten Spielszenen, um den dokumentarischen Teil der Filme zum Leben zu bringen und die Analyse voranzutreiben.

Doch man weiß bei diesem Fernsehtheater nie genau, ob es nicht auch dazu dient, die Leerstellen der Recherche aufzufüllen und im schönen Grunde das Reale nur zu behaupten.

Diese Frage nach der Wirklichkeit des Dargestellten treiben die Autoren des Amber-Films auf die Spitze. Sie spielen sich selbst: zwei Journalisten, die versuchen, in Interviews und mit historischem Filmmaterial die Rolle einer Schlüsselfigur der „Poulson-Affäre“ zu analysieren: die Rolle des Trotzkisten und prominenten Labour-Mitglieds T. Dan Smith. Smith wurde 1974 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er als Stadtrat und „City-Boß“ von Newcastle dem Baulöwen John Poulson für über eine Million Mark Schmiergeld große Bauaufträge verschafft haben soll.

Nun sitzt dieser T. Dan Smith aber auch im Filmstudio, ein launiger alter Mann, und diskutiert mit den Journalisten deren Recherchen. Von sich selbst ergriffen, erklärt er den beiden sein revolutionäres Begehr, durch die Organisation großer Bauaufträge ein Machtzentrum jenseits des Londoner Establishments aufzubauen. Dazwischen aber erzählt ein Spielfilm von dem vergeblichen Versuch eines Bauunternehmers (Poulson), mit Hilfe eines Politikers (T. Dan Smith) die Sitzung des Stadtrats von Newcastle zu verhindern, in der beide als Betrüger entlarvt werden könnten. Es ist diese Montage aus nachgestellter Recherche, aus Dokumentation, Spielfilm und Diskussion, die den Zuschauer zielsicher in den Bereich zwischen Dichtung und Wahrheit führt. Spätestens wenn der echte T. Dan Smith auch noch auf der Spielfilmebene sich selbst spielt, entlarvt sich das Dokumentarische als weitere Fiktion, und das Fiktive scheint real: Die Dekonstruktion ist perfekt. Und es ist diese analytische Verve, die den Zuschauer dazu bringt, für sich, zu Hause, den Gang der Recherche fortzuführen. Marcus Hertneck