Von Rainer Spiss

Der Pico Arieiro, in dessen Nähe uns der Bus abgesetzt hat, liegt im Nebel. Es ist bitter kalt. Wir ziehen alles an, was wir dabei haben, sogar die Handschuhe. Nebelfetzen werden vom Wind über den Grat getrieben, Felsformationen tauchen für einen Augenblick auf und sind schon wieder verschwunden. Plötzlich reißt die Wolkenwand auf und gibt grüne Abgründe frei. Jäh abstürzende Wände, Schluchten, schroff aufragendes Gestein werden sichtbar. Wenig später hüllen uns die Wolken wieder ein, und es beginnt zu regnen. In feinen Fäden rinnt der Regen von Felswänden und Bäumen, durchnäßt alles. Der Rucksack: ein vollgesogener nasser Klumpen. Der Weg beschränkt sich auf den kleinen Ausschnitt zwischen den Schuhen des Vorangehenden und den eigenen, ein paar vor Nässe glänzende Steine, Grasbüschel, Flechten. Die Welt reduziert sich auf einen kleinen feuchten Fleck. 1500 Meter tiefer scheint später die Sonne, ist es warm, liegt der Atlantik ruhig und weit.

Wer die portugiesische Insel Madeira kennenlernen will, muß sie erwandern. Wasser spielt dabei eine beträchtliche Rolle. Wer sich in größere Höhe begibt, wird – zumal im Winterhalbjahr – mit großer Wahrscheinlichkeit naß. Der Nordostpassat treibt die Wolken frontal gegen die bis zu 1800 Meter steil aus dem Meer aufragenden Felswände, wo sie sich entladen. Während es an der Nordküste und im Gebirge regnet, scheint an der Südküste oft die Sonne.

Das Wasser ist für den Wanderer aber noch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Um die im Norden und im Gebirge herunterkommenden Niederschläge für den relativ regenarmen Süden nutzen zu können, wurde über die Jahrhunderte hinweg ein riesiges System von Bewässerungskanälen angelegt, die sogenannten Levadas, in denen das Wasser über Entfernungen von manchmal sogar hundert Kilometern vom Gebirge bis zu den Anbauflächen der Südküste geführt wird. Die Levadas wurden durch Tunnel getrieben, an Steilhängen angelegt und praktisch um die ganze Insel herum gezogen. An ihnen läßt es sich – mal auf breiteren Wegen, mal auf dem schmalen Betonband der Einfassung – recht gut gehen.

Eine der schönsten Levada-Wanderungen führt entlang der erst 1966 fertiggestellten Levada dos Tornos. Sie durchquert Eukalyptus- und Lorbeerwälder, Anbaugebiete, Gärten, kleine Ansiedlungen, Buschwald und schier undurchdringliches Brombeergestrüpp, dann Terrassenlandschaften und schließlich die Gebiete, wo Armut die Wirtschaft bestimmt. Es geht vorbei an winzigen Feldern, auf denen bisweilen eine Hütte steht, in der eine Kuh gehalten wird; sie bleibt dort immer eingesperrt, damit sie nicht abstürzt.

Der Weg zum Ostkap führt durch eine gänzlich andere Landschaft. Die Gegend um Caniçal hat beinahe etwas Nordisches. Noch bis Anfang der achtziger Jahre lebte Caniçal vom Walfang. Wir wandern hinaus aufs Ostkap. Steil brechen die Felsen links und rechts ab, mit Wucht wirft sich der Atlantik gegen das vulkanische Gestein. Das Kap ist nur spärlich bewachsen. Windböen treffen einen manchmal wie ein Faustschlag. Wandern, umgeben von Meer und Wind.

Wer sich zu Fuß und mit dem Bus auf der Insel bewegt, macht bald die erstaunliche Entdeckung, daß den verschiedenen Höhenstufen nicht nur unterschiedliche Vegetationsschichten (von subtropisch bis alpin) entsprechen, sondern auch soziale Schichten. Im unteren Stockwerk lebt die städtische Gesellschaft von Funchal, der Hauptstadt Madeiras. Hier hat sich schon früh die landbesitzende Aristokratie ihre Residenzen gebaut, hier entstand ein Bürgertum, das vom Handel lebte.