Das Unwort, auf jeden Fall aber das Unding des Jahres 1994 steht jetzt schon fest. Es heißt „Gesellschaft für deutsche Sprache“. Diese Institution hat sich auf unrettbare Weise selbst entleibt, selber aus dem Verkehr gezogen, indem sie sich von ihrer eigenen Jury distanzierte, die als zweites Unwort des Jahres 1993 mit allem Recht des Bundeskanzlers unbedachte Rede vom „kollektiven Freizeitpark“ gekürt hatte. Diese „Gesellschaft für deutsche Sprache“ – man mag sie gar nicht mehr in den Mund nehmen –, die nach Protesten aus dem Bundeskanzleramt auf astrein wilhelminische Weise vor den Bonner Pickelhauben devot eingeknickt ist, wird man in Zukunft weder mit Handschuhen noch mit der Kneifzange anfassen können. Jede ihrer künftigen Verlautbarungen ist stigmatisiert von dem lächerlichsten aller Diener, den diese Institution vor denen gemacht hat, die in Bonn gerade noch die letzten Restchen von Macht und die noch geringeren Restchen von Glaubwürdigkeit verwirtschaften. Kein Wort der deutschen Sprache wird sich von einer solchen Gesellschaft, die weder eine feine noch eine gute ist, mehr vertreten sehen.

Man mag Helmut Kohl und seiner Umgebung sogar abnehmen, daß er, wie Kanzleramtsminister Bohl glaubt, bei seinem Wort vom „kollektiven Freizeitpark“ nicht an die Arbeitsmarktsituation gedacht hat. Aber das ist es ja gerade: Wenn ein Kanzler bei einer solchen Formulierung nicht daran denkt, daß es um die sechs Millionen Arbeitslose gibt, die ohne ihre Schuld, wohl aber unter Mitschuld der Bundesregierung zu einer erzwungenen und als traumatisch erlittenen „Freizeit“ verdammt sind, unter der ihre Familien zwangsweise mit leiden, wenn ein Kanzler nicht in der Lage ist, seine Worte in Verbindung mit der von ihm mit zu verantwortenden schlimmen Lage zu sehen, dann setzt sich das in Beziehung zu seinem Amtseid, mit dem er sich darauf festgelegt hat, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und nicht Schaden anzurichten. Nun, da eine Jury mit jahrelang erwiesener und ständig gewachsener Reputation dieses Faktum ins kollektive Bewußtsein hebt, wird das vom Bundeskanzleramt wie zur Pickelhaubenzeit als Majestätsbeleidigung verfolgt, woraufhin der Vorstand jener unnennbaren Gesellschaft, mit der die Unwort-Experten bislang kooperiert haben, in eingeübter deutscher Untertanentradition seine eigene ungehorsame Jury fallenläßt. Er läßt damit das einzige fallen, worauf die Gesellschaft wirklich stolz sein konnte.

Das sind in unseliger Überlieferung die Wächter deutschen Geistes und des deutschen Wortes. Das ist jene deutsche Tradition, die sich flugs in Richtung des von der Macht geblasenen Windes verbiegt, eine obrigkeitsselige Tradition, derentwegen immer wieder Emigranten dieses Land verlassen haben. Diesen Emigranten verdankt die deutsche Sprache unendlich viel mehr als einer Gesellschaft, die sich selbst zu ihrem Hüter ernannt hat und nun in ihrem angemaßten Amt die schmierigste aller Provinzpossen aufführt in der Meinung, es sei ein staatserhebendes festliches Schauspiel. In Bonn bei Hofe, bei Bohl und Kohl, mag das so gesehen werden, nirgendwo sonst.

Wir haben uns an noch andere Worte aus des Kanzlers Umgebung gewöhnen müssen, ohne daß unser Schrecken darüber sich vermindert hätte. Als man sich fragte, warum der oberste Regierende nicht bei der Beerdigung der von Neonazis Ermordeten in Mölln war, sagte der Regierungssprecher das unsägliche Wort vom „Beileidstourismus“, an dem Kohl sich nicht beteilige. Freilich hatte er damals Zeit, am falschesten aller Orte sich zu zeigen, in dem durch Hohenzollern und Nazis diskreditierten Berliner Dom.

Irgendein Bonner Politiker hat vor Jahren gemeint, man könne nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen. Das sollte man aber, denn unser Grundgesetz ist einer der allerbesten und allerkostbarsten deutschen Texte, der offenkundig von jener Gesellschaft weniger in Obhut genommen wird. In ihm steht: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Also wird auch keine Jury zensiert werden können, die ein schlimmes Wort aus dem obersten Mund uns allen ins Bewußtsein rückt. So wie Regierende beim Verkünden ihrer Abneigung gegen „Beileidstourismus“ und „kollektiven Freizeitpark“ sich von keiner Zensur, ja noch nicht einmal von der sozialen Vernunft Zügel anlegen lassen, so braucht keiner, der auf solche Ungeheuerlichkeiten den Finger legt, einer Zensur zu weichen, auch nicht wenn sie von Sprachhütern versucht wird, denen bei ihrem Bückling in Richtung Bonn sich Sprache, Grundgesetz und republikanische Vernunft auf den Kopf stellen.

Einer unseligen Überlieferung gemäß wird bei uns immer der denunziert und geschmäht – die Unwort-Jury beispielsweise als Söldner der SPD oder als finstere Nachhut der 68er der darauf hinzuweisen wagt, daß Schmutz im Nest ist – nie derjenige, der den Dreck dort hinbringt. Welch eine Gesellschaft! Klaus Jeziorkowski