Am Beginn der Therapie steht Fleißarbeit im Labor: Bindegewebszellen, sogenannte Fibroblasten, die entweder von dem Patienten selbst oder von einer fremden Person stammen, wird ein Gen für einen Immunbotenstoff eingeschleust. Diese Substanz heißt Interleukin II und dient der Kommunikation innerhalb des Körperabwehrsystems. Die genmanipulierten Fibroblasten mischt Mertelsmann mit Tumorzellen, die er dem Patienten entnommen hat. Anschließend wird das Zellgemisch bestrahlt, um ein weiteres Wuchern der Zellen zu verhindern.

Die Strahlendosis ist so berechnet, daß Tumor- und Bindegewebszellen nach etwa zehn Tagen absterben. Bis dahin produzieren die Fibroblasten Interleukin II – und zwar im Körper. Denn nun kommt der Schritt, der das Experiment zum Wegbereiter der Genära in Deutschlands Krankenhäusern machen soll: Das Zellgemisch wird dem Patienten unter die Haut gespritzt. Dort sollen die Fibroblasten mit ihrem Interleukin-II-Ausstoß Immunzellen anlocken. Die herbeigerufenen Immunzellen stürzen sich auf das Zellgemisch. Entscheidend für die Therapie ist, daß sie auch die Krebszellen angreifen. Denn nur der unmittelbare Kontakt mit den Krebszellen zusammen mit der Stimulation durch Interleukin II kann die Immunzellen scharfmachen. Sind beide Voraussetzungen erfüllt, vermehren sie sich rasend schnell. Eine Armee identischer Krebszellenjäger schwärmt nun in den Körper aus, um weitere Tumorzellen aufzuspüren und zu vernichten. So weit die Theorie.

Warum, so könnte man einwenden, wird das Interleukin-Gen nicht gleich in die Krebszellen eingebaut? Wozu der Umweg über die Fibroblasten? Das hat einen praktischen Grund: Die Fibroblasten lassen sich, im Gegensatz zu den Krebszellen, im Labor hervorragend kultivieren. Auch stellen sie das Interleukin, wenn der Gentransfer erst einmal funktioniert hat, recht kontinuierlich her.

Als Mertelsmann die Erlaubnis für diese Versuche bereits in der Tasche hatte und viele gebannt nach Freiburg blickten, mußte er feststellen, daß es vielleicht auch ohne Genmanipulation ginge: Die Fibroblasten stellen von sich aus Immunbotenstoffe her, wenn auch nicht Interleukin II. Sollte also die ganze Aufregung um die Gentherapie umsonst gewesen sein? Nein, sagt Mertelsmann, denn in seinem System erwarte er die besten Resultate von Interleukin II.

Und auf diesen Botenstoff ist er eingeschworen, da er mit ihm jahrelang Erfahrungen gesammelt hat, die zum Teil sehr ermutigend waren: "Lungenmetastasen, die waren einfach weg", sagt er. Mertelsmann will die Immunabwehr mit Hilfe der Gentechnik gezielt aktivieren, um die zerstörerische Wirkung des Interleukins auf die Krebszellen zu konzentrieren. Es geht ihm also nicht um die Gentherapie an sich, sondern um eine Weiterentwicklung einer Methode, die er bereits seit Jahren verfolgt.

Von der Gentherapie wird Großes erwartet, doch sie ist auch mit Ängsten belastet. Ein Restrisiko, das sich nicht in Zahlen fassen läßt, können die Wissenschaftler nicht ausschließen. Man müsse die Risiken gegen den Nutzen abwägen, sagt Mertelsmann. Bei aller Vorsicht, mit der er die Erfolgsaussichten seiner Versuche bewertet, ist er in diesem Punkt sicher: Die Chance, daß die ersten gentherapeutischen Experimente einen positiven Effekt haben, ist "unendlich viel höher, als daß sie den Patienten schaden".