Von Richard C. Schneider

Pausengeräusch: Jungen und Mädchen toben durch das Klassenzimmer, lachen und schreien durcheinander – Schule, wie man sie kennt. Schule, wie man sie nicht kennt: Hebräische und arabische Wortfetzen dringen durch den Lärm. Auf den Tischen vor den Kindern türmen sich Gemüse und Salate: rot, grün, gelb, braun, daneben Einmachgläser. Arik, ein jüdischer Knirps, trommelt auf eines der Gläser einen wilden arabischen Rhythmus.

Ismael, der Lehrer, ruft alle zur Ordnung, und sofort wird es ruhig. Die Klasse beginnt mit Feuereifer Gemüse zu waschen, zu putzen, in Stücke zu schneiden. Ratiba, eine Palästinenserin, geht herum und gibt hier eine Anweisung, erteilt da einen Rat. Es gilt, eine orientalische Kunst zu üben: das Einmachen von Lebensmitteln.

Bald reihen sich die Gläser, gefüllt mit dem Gemüse, den Salaten in wunderbar dickem dunklem Olivenöl, auf dem Tisch des Lehrers, auf jedem Glas steht der Name eines der Kinder in hebräischen und arabischen Buchstaben.

Was wie eine gewöhnliche Unterrichtsstunde in Hauswirtschaft aussieht, ist in Wahrheit ein mit großen Hoffnungen angelegtes Projekt zur Koexistenz zwischen Arabern und Juden in Israel. Initiator ist der englische Ethnologe und Folklorist Simon Lichman, der seit über zwanzig Jahren in Israel lebt. Unter dem etwas schwerfälligen Titel "Traditionelle Kreativität und kulturelle Integration in den Schulen" brachte er 1991 hier in Ramie, einer alten arabischen Stadt in der Nähe von Tel Aviv, ein ehrgeiziges Programm auf den Weg. Der Ort war nicht zufällig gewählt; Ramie, neben Jaffa und Jerusalem in der Zeit des Osmanischen Reiches die wichtigste arabische Stadt Palästinas, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 wurden zahlreiche Palästinenser aus der Stadt vertrieben.

Der Ausgleich und die Hoffnung auf Frieden mit der PLO sind nach dem Anschlag von Hebron wieder in weite Ferne gerückt. Umso mehr Hoffnung richtet sich auf Experimentierfelder wie Ramie. Der vom israelischen Erziehungsministerium geförderte Versuch läuft über drei Jahre. Die jüdische Grundschule Ben Zvi und die arabische Grundschule Bialik sind Partner bei diesem Austausch. Projektleiter Lichman sagt: "Araber und Israelis leben in der Stadt nebeneinander, aber sie nehmen sich buchstäblich nicht wahr. Sie leben in getrennten Welten, Kommunikation findet nicht statt, nicht einmal ein Blickkontakt. Dieses Phänomen wollte ich durchbrechen."

Lichmans Zielgruppe ist die Schulgemeinschaft – Kinder, Lehrer, Eltern, Großeltern. Das Wissen um die eigenen Wurzeln hält er für die Voraussetzung gegenseitigen Verstehens, so ließ er im ersten Jahr die Kinder die Spiele der Eltern spielen. Er ging in die israelische wie in die arabische Schule und forderte die Kinder auf, ihre Eltern danach zu fragen, was diese gespielt haben, als sie selber noch klein waren. Eine der palästinensischen Mütter hatte aus Stoffresten Puppen gebastelt, ein jüdischer Vater sich sein Spielzeug selbst geschnitzt. Es ging nun darum, die Künste der Eltern wieder zu erlernen. Dabei mußten diese mit einbezogen werden. Die Entfremdung von den eigenen Wurzeln hält Lichman für eines der größten Probleme in Israel: "Es war lange Zeit israelische Politik, Einwanderer so rasch wie möglich in den Mainstream der Gesellschaft einzugliedern, aber Menschen brauchen ihre individuelle Ethnizität, das muß man stärken, nur dann können sie dem anderen unbefangen gegenübertreten."