Die Experten sind erschöpft. Vier Jahre lang haben sie über chemische Zusätze in Kartoffelteig, Kaviar und Kaugummi verhandelt, haben sie über Schwefeldioxyd, Glycerin und Ameisensäure in Lebensmitteln diskutiert. Nun will der europäische Ministerrat in Brüssel dem Kopfzerbrechen ein Ende bereiten. Er will sich auf die europäische "Richtlinie über Lebensmittelzusatzstoffe außer Farbstoffen und Süßstoffen" einigen, die damit noch in diesem Jahr in Kraft treten könnte.

Nur sehr mühsam haben die Europäer eine gemeinsame Linie gefunden. Über Geschmack ließ sich eben trefflich streiten. Rund 13 000 verschiedene Regeln und Gepflogenheiten der europäischen Lebensmittelindustrie mußten unter einen Hut gebracht werden. "Wir hätten noch Jahre verhandeln können", heißt es in Brüssel.

Der Preis für die Einigung ist deshalb hoch. Die Richtlinie in ihrer jetzigen Fassung erlaubt beinahe alle in der Europäischen Union (EU) gebräuchlichen Lebensmittelzusätze, und sie erlaubt ihren Einsatz in zahlreichen Produkten. Verglichen mit dem deutschen Lebensmittelrecht, wird die Brüsseler Regelung den Verbrauchern deutlich mehr Chemie im Essen zumuten. Trotzdem stimmte die Bundesregierung dem Kompromiß zähneknirschend zu. Denn im vereinten Europa wollen immer mehr ausländische Lebensmittelhersteller ihre Produkte auch in der Bundesrepublik vertreiben. Und nach dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung muß Bonn ihnen das sogar erlauben, wenn die Lebensmittel Stoffe enthalten, die zwar nach deutschem Recht verboten, aber in einem anderen Mitgliedsstaat erlaubt sind.

In den vergangenen Monaten hat das Bundesgesundheitsministerium bereits für zwanzig solcher Zusatzstoffe eine sogenannte Allgemeinverfügung erteilt. Darunter waren Calciumalginat (E 404) für Speckersatz aus Frankreich, Propylenglykolalginat (E 405) für Bier aus Irland und Dimethylpolysiloxan (E 900) für Frittieröl aus Großbritannien. Viele andere werden folgen.

"Der Markt ist offen. Bei aller Kritik über die Vielzahl der Stoffe, die die neue Richtlinie erlaubt, brauchten wir schnell eine gemeinsame Lösung", meint denn auch Wilhelm Hellwig vom Bonner Gesundheitsministerium. Die neue europäische Regelung sei immer noch besser als gar keine. Alle Zusätze – über hundert Stoffe sind generell erlaubt, über zweihundert weitere wurden unter bestimmten Bedingungen zugelassen – würden zumindest von einem ständigen Lebensmittelausschuß geprüft, dem Wissenschaftler aus ganz Europa angehören. "Gesundheitsrisiken gibt es demnach keine", behauptet Hellwig.

Doch die deutschen Verbraucher sind in Sachen Zusätze kritisch. Sie befürchten vor allem allergische Reaktionen auf chemische Ingredienzen im Essen. Bestes Beispiel dafür ist das sogenannte China-Restaurant-Syndrom, bei dem Freunde asiatischer Küche auf Glutamat (E620 bis E 625) in den Saucen empfindlich reagieren. Deshalb fordern die Verbraucherschützer, auf Chemiezusätze zu verzichten.

Freilich kommen viele moderne Lebensmittel ohne Zusatzstoffe nicht aus. Wenn etwa frische Produkte wie Fleischsalat oder Fruchtjoghurt länger als eine Woche halten sollen, hilft nichts als chemische Konservierung. Andere Lebensmittel bekommen nur durch Zusatzstoffe ihre typischen Eigenschaften; erst Schmelzsalze machen Streichkäse gefügig. Auch viele "Light"-Lebensmittel lassen sich nicht ohne Chemie herstellen; Stabilisatoren ersetzen zum Beispiel das Fett in Salatsaucen oder Margarine.