Von Dieter E. Zimmer

Viel von seiner Büroarbeit, besonders der stupiden, bürdet der Mensch heute dem Kollegen Computer auf. Rächt der sich dafür?

In Wellen wird in einzelnen Teilen der Welt Alarm gegeben: Die intensive Arbeit am Computer führe zu dieser oder jener Gesundheitsschädigung. Der bisher spektakulärste Alarm erging in Australien, wo sich in der ersten Hälfte der achtziger Jahre ein mysteriöses Phänomen namens RSI geradezu epidemisch ausbreitete und die für Berufskrankheiten zuständigen Versicherungsträger an den Rand des Ruins brachte, bis es nach 1985 wieder abklang. Heute laufen in den Vereinigten Staaten, wo dergleichen möglich ist, Produkthaftungsklagen gegen Computerhersteller, deren wirtschaftliche Folgen die australische RSI-Epidemie leicht in den Schatten stellen könnten; schon haben Gerichte Entschädigungen bis zu 50 000 Dollar zugebilligt. Das Computermagazin c’t unkt bereits, eines Tages würde an allen PCs stehen „Der Bundesgesundheitsminister warnt: Schreiben gefährdet Ihre Gesundheit“.

Ganz unbegründet wäre eine solche Warnung wohl nicht. Aber offenbar droht die Hauptgefahr nicht aus der Richtung, aus der sie hierzulande noch die meisten erwarten.

Ziemlich allgemein wird angenommen, daß man sich durch zuviel Bildschirmarbeit irgendwann die Augen „verdirbt“. Tatsächlich wurde der Mitte der achtziger Jahre aufgekommene Verdacht, Monitorstrahlung verursache Grauen Star, in kontrollierten Studien nicht bestätigt. Aber schätzungsweise 75 Prozent aller, die täglich mehr als zwei Stunden am Bildschirm arbeiten, klagen über müde werdende Augen, verschwommenes Sehen, Trockenheit, vorübergehende Kurzsichtigkeit. Abgesehen möglicherweise von einem Fokussierungsproblem, das einen etwas früher zum Brillenträger macht, scheinen das alles jedoch keine bleibenden Schäden zu sein, und durch einige zumutbare Verhaltensregeln lassen sie sich von vornherein vermeiden: blendfreie Bildschirme; flimmerfreie Bilder; Raumlicht von der Seite; Bildschirmmitte etwa fünfzehn Zentimeter tiefer als die Augen; Bildschirm und Konzepthalter in gleicher Entfernung (40 bis 75 Zentimeter); die für diese Entfernung richtige Brille; vor allem: eine zehnminütige Erholungspause für die Augen mindestens alle zwei Stunden.

Noch glimpflicher ging der Dermatitisalarm aus. Ja, bei manchen Datentypistinnen traten im Gesicht Rötungen auf, kaum hatten sie an ihrem Schreibtisch Platz genommen. Die Ursache war die statische Aufladung in Verbindung mit zu großer Raumtrockenheit. Sobald für eine höhere Raumfeuchtigkeit gesorgt ist, gibt sich die Reizung prompt.

Im Falle des Strahlungsalarms ist die Entwarnung nicht so eindeutig ausgefallen. Ernstlich schrillte er 1979 um die Welt, als die Zeitung Toronto Star von den Fehlgeburten berichtete, die vier an Bildschirmen arbeitende Frauen in ihrem Redaktionsbüro hintereinander gehabt hatten. Nach langer Investigation scheint heute die Meinung vorzuherrschen, daß es sich bei jener Serie und auch bei späteren Serien von Früh- oder Totgeburten um Zufallshäufungen gehandelt haben muß – oder daß andere Ursachen verantwortlich waren, Luftverschmutzung oder Streß zum Beispiel.

Der Kathodenstrahl, der den Phosphor auf der Innenseite der Bildröhre zum Leuchten bringt, erzeugt dabei auch eine schwache Röntgenstrahlung; was davon das Glas durchdringt, bleibt jedoch weit unterhalb der zugelassenen Grenzwerte. Wenn etwas geeignet sein sollte, Schäden an Körperzellen anzurichten, dann am ehesten die magnetischen Wechselfelder, die die Ablenkeinheit hinten in der Bildröhre meist nicht eben knapp um sich aufbaut. Hier ist nichts bewiesen, aber auch nichts endgültig widerlegt. Überhaupt ist bis heute nur wenig darüber bekannt, ob und wie all der uns umgebende „Elektrosmog“ aus elektrischen und magnetischen Feldern auf biologische Systeme einwirkt. Und da sich, bei den enormen Schwierigkeiten der Materie, daran vorläufig auch nicht viel ändern wird, werden Monitore (wie Fernsehapparate) sich immer wieder mancherlei Verdacht gefallen lassen müssen.

Die Hauptgefahr, die die fortgesetzte Arbeit am Computer mit sich bringt, scheint eine ganz andere zu sein. Sie hört auf viele Namen, fast in jedem Land auf einen anderen, und in einem fort werden neue vorgeschlagen. In Japan, wo sie Anfang der sechziger Jahre besonders bei Telephonistinnen erstmals beobachtet wurde und wo seitdem viel geschah, um ihr vorzubeugen, heißt sie OCD (Occupational Cervicobrachial Disorder, berufsbedingte Nacken-Arm-Krankheit). In den USA heißt sie meist CTD (Cumulative Trauma Disorder) und schließt dann viele berufsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen etwa bei Fließbandarbeitern, Kassiererinnen, Sportlern, Tänzern, Musikern ein. In Deutschland breitet sich gerade der australische Name aus, obwohl er dort längst wieder verabschiedet wurde: RSI (das Kürzel für Repetitive Strain Injury, wörtlich: Verletzung durch ständig sich wiederholende Muskelanspannung).

Worum handelt es sich? In erster Linie um Schmerzen – in der Hand, im Handgelenk, im Unterarm, in der Schulter, im Nacken und manchmal überall. Sie beginnen an einer Stelle und breiten sich dann aus; manchmal wandern sie auch. Beschrieben werden sie als „tief, brennend, elektrisch“. Im schlimmsten Fall werden sie so stark, daß der (meist ist es die) von ihnen Befallene nicht nur den Beruf aufgeben muß, kein Buch mehr umblättern kann, und das auf unbestimmte, jedenfalls sehr lange Zeit. Manchmal kommt anderes hinzu: Schwäche, Taubheitsgefühl, Druckempfindlichkeit, Schwellung, Verkrampfung.

In England klagte über ein Drittel der Bildschirmredakteure der Financial Times über derartige Beschwerden; einige mußten bis zu einem Jahr aussetzen. Bei der Presseagentur AP in Amerika waren es sogar 61 Prozent. Während der RSI-Epidemie in Australien waren nur 22 Prozent der Datentypisten ganz ohne Symptome, 26 Prozent aber in medizinischer Behandlung, bei den Telephonistinnen noch mehr. Für Deutschland gibt es kaum Zahlen. „Beschwerden durch Bildschirmarbeit“ sind keine anerkannte Berufskrankheit, sie gelten als „Lebensschicksal“, und bei „klassischen“ Erkrankungen wie Sehnenscheidenentzündung werden von den Gerichten nur in weniger als einem Prozent der Fälle Entschädigungen zuerkannt. Eine Erhebung, die Hardo Sorgatz an der Technischen Hochschule Darmstadt durchführte, ergab, daß hierzulande fünfzehn Prozent der „Tastaturarbeiter“ wegen Schmerzen in Arm, Schulter und Nacken ärztliche Hilfe suchen und zwanzig Prozent wenigstens zeitweise Beschwerden bei bestimmten Bewegungen haben.

Bei einem kleinen Teil (die Rede ist von fünf bis zehn Prozent) lassen sich diese Beschwerden auf wohlbekannte und wohldefinierte Erkrankungen zurückführen: auf Entzündungen der Sehnen, Sehnenscheiden und des umgebenden Bindegewebes; auf die unter dem Namen „Tennisellbogen“ bekanntere Epikondylitis, eine durch Überbeanspruchung ausgelöste Entzündung der Muskelhaut und der Sehnenansätze am Ellbogen; auf das sogenannte Karpaltunnelsyndrom, eine Einquetschung eines Handnervs mit Empfindungsstörungen in der Hand und eventuell einer Atrophie des Daumenballens. Oder es ist das verbreitete Zervi-

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kalsyndrom im Spiel, eine meist durch altersbedingten Bandscheibenverschleiß hervorgerufene Irritation der aus der Halswirbelsäule austretenden Nervengeflechte, die je nach Lokalisierung ekelhafte Dauerschmerzen vom Kopf bis in Schulter, Arm oder Brustkorb mit sich bringen kann.

Bei der großen Mehrzahl der Datenerfasser(innen), die über berufsbedingte Schmerzen in Arm, Schulter und Nacken klagen, läßt sich keine dieser „klassischen“ Erkrankungen entdecken. Sie haben anscheinend keine Entzündung, keine Gewebeverletzung, auch keine „kumulierte“; sie haben nur ihren diffusen Schmerz. Muskelentspannende und entzündungshemmende Mittel helfen darum meist wenig. Überhaupt ist er unangenehm hartnäckig. Die beste Therapie scheint immer noch darin zu bestehen, alle Bewegungen zu unterlassen, die den Schmerz zurückbringen; dazu die traditionelle Physiotherapie: Massage, Wärme, Krankengymnastik. Bei Musikern mit ähnlichen Symptomen setzte die Besserung zwölf Tage bis zehn Wochen nach Beginn der Therapie ein; bei Fließbandarbeitern in Sydney dauerten vergleichbare Symptome durchschnittlich 67 Wochen.

Daß sich sehr oft keine der bekannten handfesten Erkrankungen diagnostizieren läßt, hat manche Mediziner bewogen, das Ganze, besonders die australische RSI-Epidemie, für Schwindel zu halten, auch wenn sie es meist höflicher ausdrücken: für eine Massenhysterie, eine kollektive Rentenneurose. Heute scheint sich jedoch international die Meinung durchgesetzt zu haben, daß die Schmerzen real sind – und daß es nicht die Schuld der Patienten ist, wenn die Medizin sie noch nicht hinreichend erklären kann. Dafür spricht auch, daß die Zahl der Beschwerden bei über vier Stunden Bildschirmarbeit täglich und mehr als 14 000 Anschlägen stündlich steil ansteigt. Und daß eine ergonomischere Gestaltung der Arbeitsplätze die Beschwerden überall deutlich verringert hat.

Einigkeit scheint auch darüber zu bestehen, daß Streß eine Rolle spielt: Streß durch Arbeit unter Druck, durch Lärm am Arbeitsplatz. Man muß keins der unbewußten Dramen der Tiefenpsychologen zu Hilfe rufen, um diese psychische Komponente zu erklären: Streß erhöht bekanntermaßen die Muskelspannung in Nacken und Unterarm, man sitzt noch verspannter, verwendet zuviel Kraft auf die unausgesetzten kleinen Bewegungen der Tastaturarbeit. Das würde auch erklären, warum besonders zwei Gruppen betroffen sind: Schreibkräfte, die monotone, stumpfsinnige Tipparbeit verrichten – denn die müssen ständig gegen die Unaufmerksamkeit ankämpfen, um Fehler zu vermeiden; und hochmotivierte Leute wie Redakteure oder Musiker, die aus Interesse an ihrer Arbeit ständig angespannter sind, als ihrer Muskulatur guttut.

RSI jedenfalls ist Wort für Wort der falsche Name. Daß an der Wurzel des Leidens eine Gewebeschädigung zu suchen ist, ist denkbar, aber bisher nicht nachgewiesen. Und mehr Schuld als die repetitive Anspannung trägt wohl die konstante statische Muskelbelastung durch eine aufgezwungene ungünstig starre Körperhaltung. Ihr wurde im übrigen auch bei den Vorläufern des heutigen Leidens die Hauptschuld gegeben, den seit dem 16. Jahrhundert bekannten „Schreiberkrämpfen“. Jedenfalls ist bis heute nicht einmal klar, was da eigentlich krank ist: Muskeln, Sehnen, Nerven oder alles.

Plausible Vorschläge zur Erklärung immerhin gibt es auf verschiedenen Ebenen. Die schnellen Muskelfasern, die für die schnellen Bewegungen der Finger beim Tippen gebraucht werden, lassen sich im Unterschied zu den langsamen kaum durch Training vermehren (Hardo Sorgatz). Die dauernde Überbeanspruchung bestimmter Muskeln führt zu verminderter Durchblutung, und die bewirkt, daß Kalium-Ionen nicht beseitigt oder in die Zellen zurückgepumpt werden; dies führt schließlich zu Zellschäden an den Muskelfasern und reizt die Schmerzrezeptoren (Franz Kössler von der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin). Das „Trommelfeuer“ der Schmerzrezeptoren führt dazu, daß bestimmte Relais-Neuronen in der Wirbelsäule ihre Schwellenwerte herabsetzen und der Schmerz dann auch noch anhält, wenn der unmittelbare Anlaß weggefallen ist (der australische Rheumatologe Milton L. Cohen).

Was tun? Da die Therapie so schwierig und langwierig ist, käme alles auf die Vorbeugung an, spätestens wenn die ersten Schmerzen einsetzen, auch wenn diese sich zunächst über Nacht wieder verlieren. Wiederum ist es eine Reihe von Regeln für den Arbeitsplatz und den Arbeitsablauf. Regelmäßige Pausen in Abständen von nicht mehr als zwei Stunden. Nicht mehr als vier, höchstens fünf Stunden Tastaturarbeit täglich und dabei nicht mehr als 10 000 Anschläge pro Stunde. Abwechselnde Tätigkeiten. Eine aufrechte Körperhaltung mit Stützung der Wirbelsäule. Sorgfältige Einstellung der Sitzhöhe und der Entfernung zu Tastatur und Bildschirm. Häufiger Wechsel der Sitzposition. Alles so, daß mit der größtmöglichen Entspanntheit gearbeitet werden kann.

Und möglichst eine ergonomischere Tastatur. Unsere heutige QWERT-Tastatur belastet die einzelnen Finger ungleichmäßig und zwingt dazu, die Hände dauernd nach außen verdreht zu halten. Genau dazu wurde sie erfunden, 1874 in der Nähmaschinenabteilung der Firma Remington: Die Typenhebel verklemmten leicht, also sollten die Benutzer gezwungen sein, ihr Schreibtempo zu drosseln. Jetzt gibt es keine Typenhebel mehr. Jetzt haben wir die Bescherung.