Der bedeutendste tschechische Protestsänger, Lyriker und Rebell, Karel Kryl, seit 1968 politischer Exilant in Bayern, ist am 3. März 1994 in Passau gestorben. Kryl, der Mähre, hätte es in Prag schwerer gehabt, sich durchzusetzen, wenn ihm Wolf Biermann den Weg zum Ruhm nicht ein wenig geebnet hätte: Bei seinem Silvesterauftritt 1967 in Prag nahm Biermann Karel Kryl mit auf die Bühne. Acht Monate später, nach dem Scheitern des Prager Frühlings und dem August 1968, waren Kryls Lieder gegen die sowjetische Okkupation seiner Heimat gedichteter und gesungener Ausdruck des geistigen Widerstandes gegen den Totalitarismus. Von 1969 bis 1991 machte Kryl auf den Wellenlängen des Münchner US-Senders Radio Free Europe seinen Landsleuten mit seinen Liedern und lyrischen Texten Mut und Hoffnung; seit Mitte der siebziger Jahre war Kryl in seiner Heimat eine Legende. Nach dem Sieg der sanften Prager Revolution im Spätherbst 1989 waren dem aufsässigen Redakteur die Programme von Radio Free Europe nicht mehr kritisch genug. Der geistige Freiraum wurde ihm dort zu eng, und Kryl kündigte.

Von der lebenden Legende der zeitgenössischen tschechischen Lyrik und des Protestsongs erwartete man nach 1989, daß er in die Rolle des Dichters und Sängers des neuen tschechischen Establishments auf der Prager Burg schlüpfte. Diese Rolle lehnte Karel Kryl aber zur allgemeinen Überraschung ab: „Ich hab’ wohl ein Brett vor dem Kopf, / wenn ich keinen Regierungsposten haben will, / wenn ich anstatt auf der Burg / allein in den Straßen spaziere“, sang Kryl, nach mehr als zwanzig Jahren wieder in seiner Heimat. Sein junges Publikum war begeistert, seine eigene Generation jedoch verärgert. In der Heimat fand Kryl schnell wieder seine Feinde.

Er legte sich sogar mit Václav Havel an: „Havel ist ein Dichter, der die Arbeiterklasse nie begriffen hat. Er hörte nie auf, Mitglied der elitären Prager Gesellschaft zu sein. Wahrscheinlich ist er jetzt in sich selbst und in den hohen Posten, den er bekleidet, verliebt.“ Ins Jahr 1994, von dem er nicht einmal ein Drittel erlebte, dichtete Kryl, einen Monat vor seinem tödlichen Herzschlag: „Der frostige Santa Klaus [gemeint ist Väclav Klaus, der Prager Premier] / blieb im Treppenhaus / gemeinsam mit dem Leichnam unserer Ideale / als einziger von den sibirischen alten Knackern zurück.“

Karel Kryl irrte ständig, immer auf der Suche nach Gerechtigkeit und Liebe, in seinen Urteilen über seine Nächsten und Freunde oft sehr ungerecht. Aber der Weg, den er stolpernd und zu oft, wie er sagte, „auf die Schnauze fallend“, ging, war bis zum Ende gerade. „Solange es uns nicht gelingt, die Reste der kommunistischen Idiotie, die stumpfe Resignation, das Sich-ständig-Anpassen zu beseitigen, solange in den Köpfen der Menschen die Angst vor dem anstrengenden, jedoch absolut notwendigen Schwimmen gegen den Strom der öffentlichen oder offiziellen Meinung steckt, bleibt die tschechische Demokratie, ich würde aber eher sagen ‚Demokratur‘, krank.“

Die Totenmesse für Karel Kryl fand am 11. März in der Klosterkirche von Brevnov statt. An die 10 000 Menschen kamen, um Abschied zu nehmen. Der Präsident, Václav Havel, schickte einen Kranz und einen hohen Beamten seiner Kanzlei. Und als der Beamte, selbst lange Jahre politischer Flüchtling, über dem Sarg der bei der heutigen Prager guten Gesellschaft weniger beliebten Legende namens Karel Kryl diesen „einen Bruder und Sohn von uns allen“ nannte, riefen zwei junge erregte Stimmen: Du lügst!“ Mit so einem Abschluß seiner Totenmesse wäre Karel Kryl bestimmt zufrieden. Ota Filip