Mit seinem soeben erschienenen Buch "Keimzellen der Lust" will der kalifornische Neurobiologe Simon LeVay beweisen, daß "Die Natur der menschlichen Sexualität" - so der Untertitel - zum allergrößten Teil biologisch bestimmt ist. Aufgefallen war LeVay, als er 1991 einen Kern im vorderen Mittelhirn gefunden zu haben glaubte, der über die sexuelle Orientierung eines Menschen bestimmt. INAH3, so die wissenschaftliche Abkürzung für den dritten interbei Schwulen und Frauen kleiner sein als bei heterosexuellen Männern: Wer einen kleinen INAH 3 im Hirn hat, soll nur Männer lieben, wer einen großen hat, nur Frauen.

Damals formulierte LeVay seine Entdeckung noch vorsichtig. Ihm war bewußt, daß seine Schlußfolgerungen nicht unbedingt richtig sein mußten. Knapp drei Jahre später erscheint nun sein populärwissenschaftliches Buch über die Neurobiologie der gesamten Sexualität. Seine Kritikfähigkeit hat LeVay mittlerweile verlernt. Kommentarlos zitiert er umstrittene Untersuchungen, verschweigt zuweilen wichtige Fakten, argumentiert manchmal unlogisch und durchwirkt das Ganze, für Laien nicht immer leicht zu erkennen, mit persönlichen Überzeugungen.

In den Passagen über Transsexualität beispielsweise fehlen biochemische und neuroendokrinologische Untersuchungen des führenden Spezialisten Louis Gooren völlig. Diese konnten bislang keine biologischen Ursachen für die ungewöhnliche Geschlechtsidentität zeigen. Psychologische Studien legen nahe, daß sie eher sozial und seelisch bedingt ist. LeVay kann dem nicht widersprechen, beharrt aber - beweislos - auf einer hormonellen oder neuroanatomischen Ursache. Mittlerweile hat der schwule Neurobiologe seinen wissenschaftlichen Job aufgegeben, um das Institute of Gay and Lesbian Education zu leiten. In dieser Funktion hat er gesellschaftspolitische Ziele, die er wohl auch mit dieser Veröffentlichung verfolgt. Denn der Nachweis einer biologischen Ursache der Homosexualität könnte die Einstellung der Gesellschaft zu den Schwulen und Lesben verändern, hofft LeVay. Schon seit Jahren versuchen manche Schwulenorganisationen in den USA, die These zu widerlegen, Homosexualität sei erlernt und damit therapierbar. Die homosexuellen Frauen und Männer wollen so akzeptiert werden, wie sie sind - zu Recht, keine Frage. Und selbstverständlich gibt es neurobiologische Faktoren der Sexualität. Ohne einen bestimmten Bereich des Mittelhirns, die mediale präoptische Region des Hypothalamus, kopulieren männliche Ratten nicht mit ihren Artgenossinnen. Bei weiblichen Ratten wird die sexuelle Bereitschaft unter anderem durch den sogenannten ventromedialen Teil des Hypothalamus gesteuert. Doch kann man daraus bereits schließen, daß bei Schwulen und Lesben der Hypothalamus irgendwie andersartig sein muß?

Neurobiologische und psychologische Studien zeigen ein viel komplexeres Bild der menschlichen Sexualität. Der Wissenschaft sind nicht nur zwei, sondern gleich mehrere Strukturen im Gehirn bekannt, die verschiedene Facetten dessen steuern, was wir unter Sexualität verstehen. So wird die Wahl des Sexualobjekts durch bestimmte Teile der Großhirnrinde beeinflußt. Die emotionale Komponente, die Lust, wird hauptsächlich vom darunterliegenden limbischen System erzeugt. Zwei Strukturen dieses großen Systems, der Hippocampus und der Gyrus cinguli, steuern zusammen mit der neuronalen Schaltzentrale des Gehirns, dem Thalamus, die erregenden Gefühle. Auch der Orgasmus wird zum großen Teil vom limbischen System initiiert. Die körperlichen Reaktionen werden unter anderem durch die sogenannten spinothalamischen Bahnen vermittelt: Sie schicken vom Thalamus aus den Befehl des Gehirns durch das Rückenmark nach unten.

Dennoch besteht menschliche Sexualität weit weniger als die der Tiere aus instinkthaften Abläufen und motorischen Programmen. Fragwürdig ist insonderheit die gängige Definition geschlechtstypischen Verhaltens, die LeVay kritiklos übernimmt: Besteigen wird als Männersache deklariert, das Stillhalten als Rolle der Frau. Doch sogar Laborratten halten das anders. Es kommt durchaus vor, daß Weibchen andere Ratten besteigen, und zwar unabhängig vom Geschlecht der Auserwählten, während erregte Rattenmännchen gerne mal das Hinterteil hinhalten. Natürlich und unnatürlich, normal und anomal oder gar gesund und krank - das sind eben vollkommen ungeeignete Begriffe zur Beschreibung der Sexualität. Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld vertrat Anfang dieses Jahrhunderts die These, Homosexualität sei eine angeborene Krankheit. Er beabsichtigte, ähnlich wie LeVay, den Schwulen zu gesellschaftlicher Duldung zu verhelfen. Doch die Nazis gingen mit Menschen, die für krank erklärt wurden, anders um; Schwule und Lesben wurden in KZs umgebracht. Diese terroristische Normalitätsauffassung ging keineswegs mit dem "Dritten Reich" unter. So machte sich der Ostberliner Neuroendokrinologe Günter Dörner 1968 über die Prophylaxe der Homosexualität Gedanken: Die abweichende sexuelle Orientierung eines Fötus sollte durch pränatale Hormongaben korrigiert werden. Andere Wissenschaftler aus der DDR entfernten den Hypothalamus aus dem lebenden Gehirn, um "Fälle von Homosexualität zu behandeln", weil "abnorme sexuelle Gefühle vor allem mit einem funktional defekten Hypothalamus verbunden werden".

Simon LeVay liefert, gewiß ungewollt, solchen Abstrusitäten Nahrung. Er sollte sich fragen, ob er mit seinem Buch den Lesben- und Schwulenorganisationen kein Eigentor verpaßt hat.

Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg BerlinOxford 1994; 230 S, 34 - DM