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Ernst Jünger notiert in seinem Kriegstagebuch folgende Szene: Ein kleines Mädchen überreicht Hitler im Godesberger Hotel "Dreesen" einen Blumenstrauß. Er beugt sich hinunter, um dem Kind die Wange zu klopfen, und wendet gleichzeitig den Kopf ein wenig zur Seite: "Aufnahme!" Was diese Anekdote nur andeutet, wird jetzt, ein halbes Jahrhundert später, zum ersten Mal fachwissenschaftlich analysiert und durch viele, großenteils unbekannte Bilder belegt: die Selbstinszenierung eines Diktators, der Deutschland und Europa ins Verderben riß. Wohlgemerkt: Dieses Buch des Kunst- und Photohistorikers Rudolf Herz - zugleich sein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum über "Photographie als Medium des Führer Mythos" - handelt von "Hoffmann & Hitler". Der Künstler steht an erster Stelle.

Heinrich Hoffmann, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg in London das Handwerk der Portraitphotographie erlernt und sich dann der Pressephotographie verschrieben hat, war kein genialer Experimentator, aber der Autor bescheinigt ihm ein hohes technisches und gestalterisches Niveau. Seine Karriere beginnt er 191819 als Bildchronist der Revolution und der Räterepublik in München. Danach wechselt er ins Lager der Gegenrevolution: ein rechtskonservativer Antisemit, der schon 1920 ein überzeugter Nationalsozialist wird. Das Vertrauen des Parteiführers Hitler gewinnt er, weil er drei Jahre lang dessen Photographieverbot respektiert. Erst kurz vor dem Novemberputsch 1923 darf er ihn der Anonymität entreißen. So entwickelte sich eine Männerfreundschaft, die um so bemerkenswerter ist, als man dem kontaktarmen Egozentriker Hitler gemeinhin Bindungsfähigkeit abspricht. Jedenfalls stand ihm von seinen alten Kämpfern der umgängliche, schnurrenreiche und trinkfeste Hoffmann am nächsten. Nicht nur "Hofphotograph" war er, sondern gleichzeitig Hitlers Unterhalter, Begleiter, Seelentröster und Kunstberater (im Zweiten Weltkrieg ist Hoffmann einer der größten Kunstsammler und Kunsträuber Deutschlands). Bei Hoffmanns, wo Hitler auch Eva Braun kennenlernte, fühlte er sich wie zu Hause. Die Intimität dieser Beziehung hat auch Autor Herz nicht ausloten können, denn Hoffmann wahrte bis zu seinem Tode 1957 Diskretion.

Dank seiner Monopolstellung als "Reichsbildberichterstatter" und Verleger von Hitler BildPublikationen mit horrenden Auflagen brachte es Hoffmann zum Multimillionär. Mit dem Untergang des Reiches 1945 zerfiel sein Reichtum; sein Bildarchiv wurde in alle Winde zerstreut.

Mit Recht geißelt Herz, daß Hitler Biographen wie Joachim Fest und Alan Bullock, aber auch die Herausgeber der vielen Bildbände zum "Dritten Reich" Hoffmanns Photos unkritisch als historische Dokumente verwenden. Denn sie zeigen Hitler immer nur so, wie er selber gesehen werden wollte: "auf eine idealisierte und aesthetisch stilisierte Art und Weise". Diese Bilder sind nur scheinbar authentisch.

Geradezu spannend liest sich deshalb das Hauptkapitel, eine detaillierte Analyse der HitlerPortraits aus den Jahren 1923 bis 1939. Staunend erfährt man, welch unsägliche Mühen sich Hoffmann und Hitler bei der Rollensuche gemacht haben, wie vieler Ateliersitzungen es bedurfte, bis das jeweils gewünschte Führer Bild gefunden war. Unablässig probten sie neue Posen, die genau auf Kleidung, Frisur, Mienenspiel, Umgebung und Perspektive abgestimmt wurden. Dabei achtete der Photograph darauf, dem flachen, teigigen Gesicht durch besondere Lichteffekte Konturen zu verleihen; die Augen mußten tiefer liegen als in der Wirklichkeit. Herz ist überzeugt, daß die Initiativen zu diesen Rollenspielen stets von Hitler ausgingen und Hoffmann der loyale gestalterische Berater blieb.

Zunächst bevorzugt Hitler die wilhelminisch inspirierte, mäiinlicb auftrumpfende Körpersprache, die bewußt fanatische Entschlossenheit bis zur brutalen Gewalt nahelegen sollte. Seine Erscheinung soll sich abheben von den Parlamentariern, den Stehkragenpolitikern, den Arbeiterführern und den linken Revolutionären. Das Nebeneinander konträrer Persönlichkeitsentwürfe, die sich gegenseitig ergänzen, ist gewollt. Mal posiert er wie ein bündischer Jugendführer in bayerischen Krachledernen, dann ist er ein um Sympathie werbender Parteiführer mit Stirnlocke und mit dem Eisernen Kreuz am neuen Braunhemd, schließlich ein seriöser Politiker im schwarzen Anzug. Allmählich entsteht das Bild eines Mannes, der zum Führer berufen ist und diese Selbstgewißheit auch vermittelt. Beim Präsidentenwahlkampf 1932 genügt es schon, im Stil der "Neuen Sachlichkeit" das Hitler Bild auf Gesicht und Namen zu reduzieren - der Mythos des Führers ist fertig, bevor er die Macht übernimmt.

Herz widerlegt nebenher die Legende von den eher komisch wirkenden Rednerposen, die Hitler heimlich vor dem Spiegel einstudiert haben soll. Vielmehr sind es bewußt exaltierte Gebärden, die den Mangel an technisch einwandfreien Rednerbildern wettmachen sollten. Diese Posen wurden auf Postkarten mit zum Teil furchteinflößenden Zitaten unters Volk gebracht und waren bei den Anhängern sehr populär. Eine dieser Kartensammlungen diente Charlie Chaplin als Vorstudie für seinen Diktator Film.

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Der entscheidende Beitrag aber, den Hoffmann nach 1933 zur Popularisierung des Hitler Mythos geleistet hat, sind seine hundert Photographien aus der Privatsphäre Hitlers ("Hitler, wie ihn keiner kennt"), die mehr als vierhunderttausendfach verkauft wurden. Einher ging die Stilisierung des Diktators zum gottgleichen, unnahbaren Selbstherrscher, fern und abgehoben von den gehorsamen Massen. Das Hitler Produkt aus der Hoffoinaimshejif Bi$er a]brikwurde von der Gefolgschaft; dernj6aßpn iv eimnerlicht, daß es sogar Krieg und Kapitulation überdauerte.

Dafür hatte Hoffmanns unermüdliche PublicRelations Zentrale gesorgt. Niemand konnte sich - in einer noch fernsehlosen Zeit - der Bilderflut entziehen. Allein der wöchentlich erscheinende IlHitler - zwischen 1926 und 1945 - 235mal auf den Titelseiten abgebildet. Hitler Photos wurden in Zigarettenbilder Alben und als Hängerheftchen des Winterhilfswerks unters Volk gebracht, in Büchern, Tageszeitungen und den vielen Illustrierten nachgedruckt, schließlich in zahlreichen Bildbänden nach den Reichsparteitagen, zu Hitlers Geburtstag und zu seinen Eroberungszügen.

Diese ausgezeichnete Quellenstudie, die längst überfällig war, kann entscheidend dazu verhelfen, jenes falsche Hitler Bild, das sich im kollektiven Gedächtnis der Zeitgenossen und auch der Historiker und der Nachgeborenen eingenistet hat< aufzubrechen und als das zu entlarven, was es wirklich war: eine gelungene schauspielerische Leistung zum Zwecke der Massenwerbung. Mit erfreulicher Klarheit stellt Herz einen verbreiteten Irrtum richtig: Nicht die Glanzbilder Heinrich Hoffmanns haben das deutsche Volk verführt und getäuscht, sondern sie erfüllten und befriedigten genau die Hoffnungen und die Erwartungen, die Millionen gläubiger Menschen bis zuletzt auf diesen "Führer" gerichtet hatten "Hoffmann & Hitler" ist fortan eine unerläßliche Einführung in die Psychologie nationalsozialistischer Medienpropaganda und der erste Grundstein zu einer Geschichte der Pressephotographie im "Dritten Reich". Wer wäre berufener, sie zu schreiben, als der Fachmann Rudolf Herz?

Fotografie als Medium des Führer Mythos; Verlag Klinkhardt & Biermann, München 1994; 376 S, Abb, 98 - DM