Inseln sind immer ein guter Ort für Geheimnisse. In ihren kleinen Welten sind Mystifikationen lange haltbar und für die Fremden, die nur einen Sommer lang bleiben, schwer zu durchschauen.

Gustaw Herling ist auf Capri ein Fremder und ist es auch wieder nicht. Der Schriftsteller und Kritiker – einer der Mitbegründer der polnischen Exilzeitschrift Kultura – hat in vielen Ländern und Städten Europas gelebt und ist seit 1955 Neapolitaner. Seine Insellegende erzählt er mit jener Schärfe des Blicks für das Verborgene, die man bekommt, wenn man in einem fremden Land nach dem Wiedererkennbaren Ausschau hält. Drastisch und volksnah genug wären die Elemente seiner Erzählung, um auf den grellbunten Schaubildern eines Moritatensängers oder den Votivtafeln eines wundertätigen Heiligen festgehalten zu werden; aber von Kitsch und Melodram sind sie so weit entfernt wie eine Insel vom Festland.

An einem glühend heißen Sommertag des Jahres 1933 erleidet der Steinmetz Sebastiano bei der Arbeit am Gemäuer einer mittelalterlichen Kartause einen unerklärlichen Unfall. Er wird zu einem Krüppel ohne Gedächtnis, blind, taub und stumm. Seine Braut bringt ein totes Kind zur Welt. Sebastiano durchstreift fortan barfuß und allein, von den Leuten mit gleichgültiger und selbstverständlicher Freundlichkeit versorgt, wie ein heiliger Narr die ganze Insel. "Aber die INSEL kannte keine Wege vorwärts; alle verliefen im Kreis oder kreuzten sich, kehrten zu ihrem Ausgangspunkt zurück." Fixpunkt dieser planetenhaften Pilgerreise ist die Kapelle der Seefahrer, wo der Priester jeden Morgen allein die Messe zelebriert; die beiden einsamsten Menschen der Insel treffen sich zu einem Ritual, ohne ihre Einsamkeit zu durchbrechen.

Einsamkeit als Strafe, die Schuldige und Unschuldige trifft, ist ein zentrales Thema Herlings. "Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst", zitiert er programmatisch Kafka, "was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen."

Die farbige Genauigkeit, mit der er Umgebungen, Gerüche, Wetterlagen schildert ("der Himmel war vor Glut mit Schuppen bedeckt, die an Seidenpapier erinnerten, das über einem erhitzten Kessel klebte"), versagt Herling sich, sobald es um menschliche Gefühle geht. Man kann sie ahnen, aber in Worten ausgelotet werden sie nicht. Da verbindet sich der handwerkliche Zugriff eines hervorragenden Schreibers mit Kafkas heiligem Respekt – und ergibt jene erzählerische Balance, die schon an Herlings autobiographischem Bericht über die sowjetischen Arbeitslager ("Welt ohne Erbarmen", deutsch 1953) so eindrucksvoll war.

Herling ist nicht nur Literat, er ist immer auch Chronist, der seine Figuren als Teil der Geschichte wahrnimmt und historische Analogien verirrten Kinder nach dem Gefühl der Kontinuität und dem Daseinssinn, wie nach den Zeichen, die von den Händen unserer Vorfahren in die Baumrinde geschnitten wurden." Auch das Schicksal Sebastianos ist eingewachsen in die Geschichte der INSEL: Seit der Pest von 1656 hegen ihre Bewohner einen erbitterten Groll gegen die Kartause, den auch das alljährliche gemeinsame Fest der Pietà dell’Isola nicht besänftigt. Da kann nur ein richtiges süditalienisches Wunder helfen, und Herling, der menschenfreundliche Moralist ("Es hatte niemals eine andere Sünde gegeben, als daß die Menschen geboren werden, sich gegen die Einsamkeit wehren und sich vor dem Tode fürchten"), läßt es geschehen. Dank dem schicksalhaften Zusammenwirken der Pietà, eines flüchtigen Mönchs und der stechenden Sonne vollzieht es sich an dem Krüppel Sebastiano. Aber es ist kein gnädiges Wunder, nur das Ende der sich kreuzenden Wege, die er sechzehn Jahre lang in seinem blinden Rhythmus abgegangen ist.

Die langsame Inselgeschichte, die sich bei Tages- und Jahreszeiten aufhält, bei Statuen, Glockengeläut und Felsen, hat Zeit genug für große Worte wie Leid, wie Schuld, wie Einsamkeit – ohne daß es eng darin wird. Katharina Döbler