Von Helmut Schödel

Kapitel eins: Fährboot landet. Drei Möwen kreisen über zerbrochenen Kisten, Wellen zerspellen am Bug. Die Handwinden wirbeln herum mit hellem Kettengeklirr, und die Gittertore öffnen sich. Menschenmassen drängen durchs Führerhaus. Sie wollen an Land, in die Stadt: New York – das Ziel unserer Reise. Aber am Ziel sind wir noch lange nicht. Vorerst sind wir in Wien.

Kapitel eins: Fährboot landet. Das Boot ist ein Kahn, der an einem Drahtseil über den Donaukanal gezogen wird, eine „Rollfähre“, die letzte in Wien. Sie verbindet den Stadtteil Erdberg mit der Leopoldstadt. Auf der Fähre steht der Wiener Schriftsteller Peter Henisch – „Wir fahren mit der Überfuhr, dort drüben wohnt a Praterhur“ – und spricht mit dem Fährmann, einem jungen Kärntner, der sich mit dem Boot für sein letztes Geld einen Traum erfüllt hat und jetzt aussieht wie einer, der aus einem Traum erwacht: unrasiert, zerrissene Jeans – und kein Geld auf dem Konto (denn unweit der Überfuhr gibt es eine Brücke über den Donaukanal).

An Ostern will Henisch auf dem Boot, das dann zwischen Erdberg und Leopoldstadt hin- und herpendeln wird, eine Lesung halten, begleitet von den Musikern Woody Schabata und Hans Zinkl, mit denen er gerade eine CD herausgebracht hat: „Wegwärts von Wien“. Henischs Lieder klingen wie beste Beisel-Lyrik: „Sur le pont / d’Avignon / sitzt a große / Wanzen karascho.“ Das Leopoldstädter Ufer war nach dem Krieg russisch besetzt. Trotzdem schreibt Henisch in „Wegwärts von Wien“: „Jenseits des Donaukanals ist Amerika ...“ Als Junge habe er die Überfuhr immer wie das Vorspiel zu einer Atlantiküberquerung erlebt.

Eine Schiffspassage nach Amerika: Henischs Jugendtraum. In seinem neuen Roman „Vom Wunsch, Indianer zu werden“ spinnt er ihn weiter, träumt er ihn zu Ende. Er verlegt die Reise in eine Zeit, als noch keine Jets den Ozeandampfern davonflogen und so eine Überfahrt noch eine kleine Weltreise war.

Am Abend des 5. September verläßt der Ozeandampfer Der Große Kurfürst Bremerhaven. An Bord: Franz Kafka, Karl May und dessen zwanzig Jahre jüngere Frau Klara, genannt „Herzle“. Die Mays wohnen auf dem Promenadendeck, Kafka kampiert im Bauch des Schiffes bei den Auswanderern. Elf Tage später, am 10. September frühmorgens, erreicht Der Große Kurfürst New York. Überall an der Reling Gesichter, in den Bullaugen Gesichter. Großes Gedränge an Bord, rasende Neugier. Amerika!

Da hat das seltsame Dichter treffen bereits stattgefunden, hat der dürre Bleiche aus Prag das große Bleichgesicht aus Radebeul schon getroffen, ist der Gequälte dem Erwählten, dem selbsternannten Liebling der Indianer, längst begegnet; im September des Jahres 1908, als Karl May im Alter von 66 Jahren zu seiner ersten und einzigen Amerikareise aufbrach (und Kafka zu seiner ersten Dienstreise im Auftrag der Arbeiter-Unfall-Versicherung).