Im Vorwort muß der Autor seinen Lesern, den "Lieben Leuten", schnell mal was erklären. Über die aufregende Wende Zeit im schönen Lande Sachsen wolle zur Zeit niemand etwas lesen. Das vermutet er mal, der Jugendbuchschreiber Günter Saalmann aus Chemnitz. Deshalb habe er den zweiten Band seiner "Umberto" Trilogie vorderhand ausgelassen, teilt er mit. Vielleicht erzählt er uns irgendwann später von den Heimerlebnissen seines Umberto Medock aus dem thüringischen Walda in den Jahren während und nach der Wende.

Jetzt gibts erst mal den dritten Band: Umberto in Wessi Land. Ein Abenteuer. Und ein Risiko. Auch für den Autor, der seinen Helden ja begleiten muß, nach Hamburg und Berlin, wo WessiMentalität herrscht und Wessi Jugendjargon geredet wird. Und in beidem, im West Denken und im West Quatschen, kann Günter Saalmann, der Wahl Sachse Jahrgang 1936, seinen Lesern nichts vormachen, da kennen sie sich möglicherweise besser aus als er. Seine Glaubwürdigkeit als Autor steht demnach auf dem Spiel. Das weiß Günter Saalmann auch, dieses Risiko geht er ein mit "Fernes Land Pa isch".

Umberto ist sechzehn, als er irgendwann bald nach der Wende Heim und Lehre in Thüringen sausenläßt und sich nach Hamburg aufmacht. Nicht weil er möchte, sondern weil er keine andere Wahl hat: Seine Schnapsdrossel von Mutter will ihre Jüngste, die vierjährige Bianca, mit nach Westen nehmen. Und Umberto weiß: "Ohne mich läßt sie die Kleine verkommen "

Umberto fühlt sich als Beschützer der kleinen, dunkelhäutigen Halbschwester, deren Vater, der Kommunist und Schwarzafrikaner Octaviano, schon lange heimgekehrt ist in sein fernes Land, das er stets nur auf portugiesisch "Pais" zu nennen pflegte. Der Name hat Umberto in die Phantasie gegriffen: Sein afrikanisches Traumland, sein Sehnsuchts- und Freiheitsland nennt er bei sich nur "Pa isch". Das "ferne Land Pa isch" ist sein heimlicher Talisman, auch bei allen Fährnissen und Troubles in Hamburg und anderswo.

Der Westen läßt sich zunächst gar nicht so übel an. Es gibt eine Wohnung am Hamburger Stadtrand, in irgendeinem Elfgeschosser in einem Neubauviertel, möbliert vom Flohmarkt und mit Campingmöbeln, die ein gewisser "Onkel Socke" beisteuert. Mutter Ilona hat einen ungeahnten Energieschub, organisiert Sozialhilfe und geht sogar arbeiten. Umberto jobbt schwarz bei einem Gebrauchtwarenhändler und lernt allmählich, hinter die Fassaden zu gucken.

Und da sieht er mehr und anderes, als ihm lieb sein kann. Er lernt, warum die freundliche Nachbarin mit dem unklaren Job so viele Telephonbücher zu Hause hat, warum ihre halbwüchsige Tochter oft so hektisch überdreht wirkt, warum der ominöse "Onkel Socke" sich für die Familie Medock so sehr interessiert. Die Antworten lauten der Reihe nach: Telephonsex. Drogenabhängigkeit. Illegitime Vaterschaft plus Päderastie. Kaum hat Umberto die Verhältnisse halbwegs durchschaut, hat er sie auch schon satt. Er folgt seinem Fluchtimpuls, packt die kleine Schwester auf ein gestohlenes Motorrad, und auf gehts ins "ferne Land Pa isch". Kaum überraschend, daß die beiden statt in Afrika in einem Abbruchgebäude in Berlin landen, unter Junkies, Pennern und Kleinkriminellen - dem Sozial Strandgut, hergespült von den Migrationswellen, die in der neuen Hauptstadt zusammenlaufen.

Günter Saalmann sieht die Lage nüchtern. Die Sympathie für seinen Helden, eher: Antihelden Umberto trübt ihm nicht den Blick für die Tatsachen. Er macht den Jungen nicht besser, als er ist, er zeigt ihn, von Herkunft und Milieu her, als schlecht gerüstet für den Westen, er sieht ihn ungeschützt und unberaten entlangschlittern am Rande des Drogenmilieus, des rechten Gewaltmilieus, des Strichermilieus. Er wägt Umbertos Chancen und Gefährdungen im harten Westen und zeigt: Die Chancen des Jungen, sich emporzurappeln, sind gering; die Gefahren, verschüttzugehen, sind vielfältig und realistisch; das "Land Paisch" ist fern und rückt immer ferner.