Herr D. (32) und Herr S. (30) lebten als Paar im Hamburger Stadtteil St. Pauli zusammen. Bei einem Streit im Oktober 1992 verletzte Jörg S. seinen Geliebten schwer, er stach ihm mit einer Schere in den Rücken. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft steht er nun vor dem Richter.

Auch ein signalrotes Sweatshirt Marke „Nasty Boys“ kann den Eindruck eines blassen und von der Gefängniskost aufgeschwemmten Mannes nicht wettmachen; doch Jörg S. entpuppt sich als vielseitiger Charakter. Die Liste seiner Ausbildungen erstaunt das ganze Gericht. Er ist Feinmechaniker für computerunterstütze Geräte, Krankenpfleger und ausgebildeter Choreograph. Alle Tätigkeiten hat er mit Erfolg ausgeführt. Er verdiente das Geld für sich und seinen Freund D., zuletzt als Kurierfahrer – zwei Schichten hintereinander, das brachte 8000 Mark netto im Monat.

Silvio D. war nicht so erfolgreich. Bevor er Jörg S. kennenlernte, gehörte er zu einer Drückerkolonne, danach arbeitete er nur gelegentlich. Andererseits lebten die beiden in D.s kleiner Wohnung – dreißig Quadratmeter auf St. Pauli.

Häufig kam es zu Streit und Prügeleien. Weil „Herr D.“ alles Geld zum Fenster rausgeworfen habe, so der Alleinverdiener S.; wegen der unbeherrschten Brutalität des Angeklagten, so Silvio D.

Aus den Fugen geriet die Beziehung aber erst, nachdem die beiden einen gewissen Andreas oder – Dietmar R., so genau weiß das keiner mehr, in einer Kneipe aufgegabelt hatten. R. zog auch noch in die Wohnung ein, und beide Männer hatten ein Verhältnis mit ihm. „Also Sie mit D. und auch mit R.? Und R. und D. auch?“ staunt der Richter. Vom Angeklagten wird er beschieden, man habe es auch zu dritt probiert, das habe aber nicht geklappt.

Am Abend der Tat besuchte das Trio eine Zirkusvorstellung und zog dann bis fünf Uhr früh durch die Kneipen. Angetrunken kamen sie nach Hause, dann entstand der Streit. Aber nicht wegen R., wie die beiden Kontrahenten zuerst der Polizei gesagt hatten, sondern wegen der Wohnung.

Jörg S. behauptet, Silvio D. sei „ausgerastet“, weil er, S., in eine andere Wohnung habe umziehen und dabei die gesamte Einrichtung, die ihm gehörte, habe mitnehmen wollen.