War das nun ein Kampf der zwei Größten im Land um die alleinige Macht oder die Abrechnung des Demokraten mit dem Autokraten? Trieb Geltungssucht den slowakischen Präsidenten Michael Kovoč dazu, Premier Vladimir Mečiar in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, oder handelte er aus Verantwortungsbewußtsein? Kovoč’ Rede vor dem Parlament ließ nur die eine Alternative zu: Präsident oder Premier – einer muß gehen. Denn die Regierung sei korrupt, behauptete der Präsident, und der Premier ein Lügner, der seine Regierungspartei HZDS durch den Verkauf von Staatsbetrieben bereichern wolle.

Die einen, die es zwar ahnten, aber nicht wußten, reagierten geschockt und beantragten ein Mißtrauensvotum gegen den Premier. Die anderen, die es wußten, ohne es als Unrecht zu empfinden, forderten den Rücktritt des Präsidenten. Das Parlament entschied sich mit knapper Mehrheit für Kovoč. Mečiar schlüpfte vom Amt des Premiers in die Rolle des kampfbereiten Märtyrers – zum zweiten Mal in seinem turbulenten, facettenreichen Politikerdasein. Mečiar, der populistische Führer, fühlt sich von demokratischen Institutionen nur in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt. Mit der feudalen Attitüde kommunistischer Herrscher betreibt er Ämterpatronage. Wer ihm in den eigenen Reihen nicht folgt, muß gehen. Er sucht die Konfrontation, nicht den Dialog – sei es mit den Tschechen, den Ungarn, dem politischen Gegner.

Mečiars Popularität schrumpft kontinuierlich zugunsten des Präsidenten. Kovoč, früher ein eher unscheinbarer Stellvertreter des Parteivorsitzenden Mečiar, wandelte sich zur Symbolfigur für rechtsstaatliche und demokratische Umgestaltung. Kovoč ist unter den Slowaken angesehener als Havel unter den Tschechen.

Ob Mečiar allerdings endgültig die Regierungsgegen die Oppositionsbank tauschen muß, ist nach wie vor fraglich. Bei Neuwahlen hätte seine HZDS nach wie vor die größte Anhängerschaft; es sind etwa achtzehn Prozent. Die übrigen Parteien sind aufgesplittert vom linken (postkommunistischen) bis zum rechten (nationalistischen) Rand.

Sollte sich aber die Übergangsregierung unter Jozef Moravčik – einem kompromißfähigen Mann aus der Mečiar-Partei – in den nächsten Monaten als tragfähig erweisen und der Erosionsprozeß in der HZDS fortschreiten, gäbe es vielleicht doch eine Alternative zu Herrn Mečiar: Sein dritter Aufstieg muß nicht unaufhaltsam sein.

Helga Hirsch