Also, ob da wirklich eine „Ära zu Ende geht“, dessen bin ich mir, ein halbes Jahr vor der Wahl und bei bester Gesundheit des äratischen Hauptdarstellers, ja keineswegs so sicher; auch nicht recht, ob das eine „schöne Zeit“ war, ob, was nachkommt, „schrecklich“ wird oder es schon immer war, alles sehr offene Fragen, von mir, dem arm und bescheiden Abseitsstehenden, am wenigsten zu klären – zumal dann, wenn ich da spüre, wie, sollte jetzt wirklich eine Ära enden, ich in ein offenes Loch zu fallen drohe, noch im Fallen vom eisigen Wind eines Horror vacui behaucht, gepackt vom Schrecken und gleichzeitig dem Boden gewohnter, sicherer Realität entzogen, schauernd erspürend ahnungsvoll ein Leben ohne die Gewißheit namens Kohl und seiner Kanzlerschaft und – –

Mit anderen Worten: Wacheren Lesern meiner großen Kohl-Jugendbiographie von 1985 entging schon damals nicht eine gewisse Neugier, ja Grundsympathie, ein elementares Wohlwollen für diesen Menschen jenseits aller unverbrüchlicher und unbarmherziger Kohl-Kritik; und heute, nach neun Jahren weiterer Reifung und Blickschärfung, führt kein Weg mehr dran vorbei, daß diese Sympathie ja so wenig mehr latent, wie an ihr zu rütteln ist, doch, so weit, gehe ich nur so gewissenhaft wie intimst mit mir zu Rate, so weit ist es gekommen, hat es kommen müssen, Wiedervereinigung hin und blühende Landschaften im Osten hin und kreuzweis und – kurzum:

Jener, der mir schon 1972 als kommender CDU-Chef scheinbar zufällig bei einem ländlichen Wahlkampfauftritt wie allen Herumstehern auch so kraftvoll wie unausweichlich in die Pratze griff, mich zu begrüßen und früher oder später in seine Obhut zu nehmen; der, der noch vor zwei Jahren auf der Buchmesse nicht anstand, fast wahllos meine überaus kritische Kohl-Biographie mit seinem Kohl-Krakel absegnend zu signieren: kein Zweifel mehr, sein Charme, lang und zäh genug ausgesessen, hat längst auch einen Widerspenstigen wie mich besiegt und unterjocht. Definitiv.

Der allerdings, überdenke ich es heute nochmals, dem Rätsel Kohl schon immer ein bißchen verfallen war, seinem gewissermaßen negativ dialektischen Geheimnis. Etwa dem seines seltsamen Erfolgs. Der da beginnt mit den sagenhaften Untiefen seiner legendär brummwuchtigen Heidelberger Doktorarbeit (ich besitze 1 Exemplar!) und zügig fortfährt zur scheint’s nur allzu idealtypisch-normalen Nachkriegspolitikerlaufbahn im allgemeinen Rahmen der Gnade der Spätgeburt und der seit frühester Jugend konsequent durchgezogenen Imagepflege als spätzuckmayerisch fröhlicher Weinberg (obwohl die Heimat Ludwigshafen flach wie ein Brett vorm Kopf ist) – doch, schon immer, auch damals schon, 1982 ff. und auf dem Höhepunkt der ersten allseitigen Kohl-Bespöttelung strahlte der Oggersbeziehungsweise gebürtige Friesenheimer für mich etwas ab, das mit Begriffen kaum, mit „kritischer Reflexion“ (Habermas und andere) schwerlich – ja, und inzwischen hab’ ich im Nachgang meiner biographischen Anstrengungen auch in jenem Deidesheimer Lokal zu Mittag gegessen, worein Kohl seine Staatsgäste zu Pfälzer Saumagen zu schleppen pflegt. Es hat mir sogar prima geschmeckt.

Natürlich, ganz eingewickelt hat er mich und meine kritische Grundausrüstung doch noch nicht. Natürlich, Kohl ist und bleibt auch immer Haupt- und Staatsexempel für den neudeutschen Aufsteigertypus aus dem älteren Angestelltenmilieu, fast hemmungslos erfolgs- und karrierefixiert, als Leitfigur ausgerüstet mit populären und manchmal auch allzu folkloristischen Attitüden, der Bauernschlau als Bonvivant und Parvenü, der Jedermann als Weltpolitiker – allein, ein schierer Opportunist war Kohl wohl nie, noch übers erträgliche Maß hinaus Schleimer (wie so mancher aus der heutigen Enkel- und Toscana-SPD); sondern stets sehr eins mit sich selber, Entität sui generis und natura naturans und magna cum voce oder wenigstens corpore o.s.ä. – auch wenn man nun nicht unbedingt wie neulich und reichlich verheuchelt Th. Waigel in ranschmeißerische Entzückensschreie über dieses baumlang „gestandene Mannsbild“ ausrasten sollte.

Manches hat Kohl in Lob und Tadel „und umgekehrt“ (H. Kohl) nicht verdient; zum Beispiel nicht, daß man ihn neulich ausgerechnet seitens der komplett unbefugten Wiesbadener Sprachgesellschaft ausgerechnet da mit dem „Unwort des Jahres“ strafend abmahnte, wo er mit seinem Diktum vom „kollektiven Freizeitpark“ ausgerechnet mal etwas Elegantes, fast Witziges, Tucholskynahes zuwege gebracht hatte; dies Kohl-Mißverständnis, eins unter vielen, sei hier für die noch später Geborenen immerhin klagend festgehalten.

Nicht vergessen sei allerdings auch umgekehrt z.B. die dummdeutschunsterblichkeitsverdächtige „Solidaritätsaufgabe der Tagesordnung der Zukunft“ vom CDU-Parteitag 1985. Auch wenn die „Aufgabenzukunft der Solidität der Tagesordnung“ vielleicht noch den „Hauch einer Nuance“ (Kohl) einleuchtender gewesen wäre. Pfälzischer. Irgendwie identischer, moppelhafter. Gesamtkunstwerklicher auch im Sinne der schwallvollen Wiedervereinigung. Ja, und all das soll nun schmachvoll enden und zu Ende gehn. Tja. Ein kaum gewohnter Schauer faßt mich an. Jedoch, ehe ich hier abermals mit der sanft hingerissenen Wehmut des Scheidens in den Schründen eines schauderhaften Horror vacui mich verliere, ende ich eilig lieber doch im Vorabendlichen, im Ambivalenten, im – hm: essentiell Kohlschen „sowohl als auch“ (a.a.O.).