Kino: Pedro Almodövars Film „Kika“

Hier sind die Frauen üppig und unternehmungslustig, vulgär und sentimental. In jedem Fall handeln sie entschieden unvernünftig. Die Männer dagegen neigen zu träger Dummheit. Zielgerecht tappen sie in die Fallen, die das Reality-TV und die Wirklichkeit für sie bereithalten. Der Regisseur Pedro Almodóvar, den der Schriftsteller Guillermo Cabrera einmal „Almodollar“ taufte (das ist treffender als das fadenscheinige Etikett „der spanische Fassbinder“), behängt seine Erfindungen mit zu vielen Eigenschaften. Leidenschaft ist nie genug. Sie muß ordentlich weh tun. Farbe ist bloß bunt. Sie muß schreien. Das fesselt kurz und ermüdet schnell. Die Extravaganz, die in Almodövars Filmen spazierengeführt wird, verfällt dem Zwang zur Norm. Nicht wenige Figuren in diesem Universum spielen verrückt. Alle müssen beschädigt sein und dies in Heftigkeit bekunden. Das ist Gesellschaftskunde als Videoclip.

Kika (Verönica Forque) lebt von Kosmetik. Ein undurchschaubarer amerikanischer Krimi-Autor namens Nicolas Pierce (Peter Coyote) ruft sie in eine düstere Villa. Ein Verbrechen aus Leidenschaft wird vertuscht, auch mit der Schminke, die Kika dem toten Stiefsohn des Autors, Ramon (Alex Casanovas), auflegt. Der vermeintlich Verstorbene erwacht aus seiner Ohnmacht und erwählt die Retterin zur Geliebten. Er muß sie mit dem Vater teilen. Die Orgie aus wechselseitigem Verrat und Betrug ist eine heitere Farce.

Die Hausangestellte Kikas ist in ihre Arbeitgeberin verliebt. Der debile und aus der Haft entsprungene Bruder der schielenden Magd ist in seine Schwester verknallt. Da die Regie dem blassen Ramon kein Interesse abgewinnt, nimmt die Story eine böse Wende. Der sexuell ausgehungerte Bruder vergewaltigt Kika. Ein Spanner filmt es. Das Reality-TV in Gestalt einer militant futuristischen Reporterin, Andrea Scarface (Victoria Abril), ist zur Stelle. Die Farce droht erneut zu kippen. Dieses Mal ist es die Kitschhalde, die sich öffnet.

Wer sich an wem aus welchen Motiven rächt, ist so undurchsichtig wie im „Big Sleep“ von Hawks. Die Allianzen halten nur für drei Minuten. Dann regiert ein neuer Einfall. Der Spanner ist niemand anderes als Ramon, Modephotograph. Man durfte es schon ahnen, als in seinem Studio ein Filmplakat von „Peeping Tom“ zu sehen war. Beim Sex mit Kika hat er das Bedürfnis, Polaroid-Bilder aufzunehmen. Das ist komisch und verwackelt den Akt wie die Bilder. Schon der Vorspann zeigt Nahaufnahmen auf kunstvoll verzierte Dessous, die ein pochender Körper zu sprengen droht. Verschämte Winke und verschwiegene Geilheit betonen, daß der Kamerablick auf Erotik doch kurzgehalten wird.

Der Vergewaltiger ist nicht nur kriminell, sondern auch professionell, denn er wird als bekannter Pornostar eingeführt. Seine Mißhandlung von Kika gerät aber, entgegen dem behaupteten Mythos, gemein und kläglich. Die Szene, die Kika mit liberal verschwatzten Argumenten abzuwenden sucht, ist gewalttätig und unerträglich. Danach kann nur noch Mord und Totschlag folgen. Zum Showdown treffen sich der geheimnisvolle amerikanische Autor, die rücksichtslose Reporterin, Ramon und Kika in der abgelegenen Villa. Ein inzestuös verschränktes Melodram klingt aus mit einem Cha-Cha-Cha. Kika läßt fröhlich ihre verblichenen und invaliden Liebhaber zurück und gabelt sich auf der Straße einen Dorfburschen auf. Das Leben geht weiter. Bleiben Sie dran. Gleich kommt ein Werbeblock, der Susan Sontags Theorie der „Camp Culture“ vergessen läßt.