Von Bartholomäus Grill

Mabopane

Südafrika endet am Bahnsteig fünf. Ab Bahnsteig vier beginnt das Schwarzenreservat Bophuthatswana. Die Grenze, die sonst nur auf den alten Landkarten der Apartheid existiert, ist heute zum ersten Mal sichtbar. Sie verläuft mitten durch die Bahnhofshalle von Mabopane – eine Demarkationslinie zwischen Anarchie und Alltag. Diesseits, in Südafrika, ist Wochenmarkt: Frauen vom Land verkaufen Feldfrüchte, Fahrgäste eilen zu Bussen und Zügen, Jugendliche lungern herum, alles wirkt ganz normal. Jenseits, in Bophuthatswana, herrscht der Ausnahmezustand: ausgebrannte Läden, zerbrochene Scheiben, alles kurz und klein geschlagen. Ein Bild der Verwüstung, angerichtet von einem entfesselten Mob.

Wie hier in Mabopane sieht es nach einer Woche der Revolte überall aus in Bop, wie die Einheimischen das Reservat kurz nennen. Die Zerstörungswut richtete sich gegen einen Mann: Lucas Mangope. 1977 setzte ihn das Burenregime in Pretoria als Präsidenten von Bophuthatswana ein. Er durfte fortan eines jener zehn Homelands regieren, in die Millionen schwarzer Bürger nach dem Gesetz der Rassentrennung gepfercht wurden. Bop besteht aus sieben einzelnen Landfetzen; kein Staat der Welt hat dieses Gebilde je anerkannt. Immerhin konnte Mangope einige gute Spezis im Ausland gewinnen, darunter Franz Josef Strauß, der ihn im Rahmen seiner bayerischen Nebenaußenpolitk zuletzt 1988 besuchte. Die CSU stand dem Westentaschen-Diktator stets mit freundschaftlichem Rat zu Seite – bis zum Ende der Apartheid.

Demnächst sollen alle schwarzen "Heimatländer" aufgelöst und wieder ins neue Südafrika eingegliedert werden – gerade rechtzeitig zu den historischen Wahlen, an denen im April erstmals die Bürger aller Hautfarben teilnehmen dürfen. Freie, gleiche, geheime Wahlen? "Nicht in meinem souveränen Staat!" Also sprach Lucas Mangope und verschärfte den Terror gegen Andersdenkende. Er verbündete sich mit rechten Weißen und konservativen Schwarzen, die für sich eigenständige Volksstaaten fordern. Wie seine Bundesbrüder fürchtete der Despot um die fetten Pfründen und Privilegien, die ihm die Apartheid sicherte. Lucas Mangope wußte genau, daß er bei richtigen Wahlen haushoch gegen seinen Erzfeind Nelson Mandela verlieren würde.

Die überwältigende Mehrheit seiner Untertanen aber wollte wählen. Deshalb eilten Tausende hinüber nach Südafrika, um sich dort für den Urnengang Ende April anzumelden. Der öffentliche Dienst streikte, weil die korrupte Regierung von Bophuthatswana die Gehälter nicht mehr auszahlte. Studenten, Lehrer und Journalisten wurden immer rebellischer. Der verhaßte Präsident lehnte die Wahlen weiterhin ab und hetzte dem Volk Polizei und Geheimdienst auf den Hals. Doch die altbewährten Methoden der Unterdrückung halfen ihm nicht mehr. Im Laufe der vorigen Woche verwandelte sich der Schwelbrand in ein Buschfeuer. Ein Aufstand brach los, und der große Mangope fiel in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Zugfäden durchtrennt. Er floh. Sein "geliebtes Volk" erging sich in einer Orgie des Plünderns und Brandschatzens.

Auch die weißen Waffenbrüder aus Südafrika konnten den Untergang des schwarzen Tyrannen nicht mehr aufhalten. 4000 Extremisten waren in Bophuthatswana eingefallen, um Lucas Mangope beizustehen: Burenkommandos, Neonazis in Khaki-Uniformen, Schlagetots von der ultrarechten Afrikaaner Weerstandsbeweging (AWB). Auf Pritschenwagen rasten sie durch die Städte und schössen wahllos auf alles, was sich bewegte. Südafrikas Truppen vertrieben sie im Bunde mit Militärs und Polizisten aus Bop, die inzwischen zu den Aufständischen übergelaufen waren.