LEIPZIG. – Die Stadt boomt, doch die Kirchen bleiben leer. Wenn die Glocken der Nikolaikirche zum Friedensgebet läuten, übertönen sie den Lärm der Kräne, Preßlufthämmer und Kreissägen. Am Ende siegt das Heavymetal-Konzert des Aufschwungs. Aber immerhin: Sechzig Gläubige haben sich zum Gebet versammelt. Die Jugendszene verspottet die Kirchenbesucher: „In die Nikolaikirche gehen nur die, die nicht kapieren, daß die Wende okay ist.“ Die Nikolaikirche, ein Jammertreff der Hoffnungslosen?

Der Schriftsteller Erich Loest klagt nicht über die Wende. „Zu DDR-Zeiten hatten wir in Leipzig stinkende Toiletten und warmes Bier in den Kneipen. Wenn ich heute die Kreissäge kreischen höre, weiß ich, daß ich mein altes Leipzig wiederbekomme.“ Er besucht regelmäßig das Montagsgebet, versteckt sich dann hinter einer der Säulen und hört den Gebeten zu. „Ich bin nicht gläubig, aber das Friedensgebet ist für mich die einzige moralische Institution, die meiner Stadt geblieben ist“, sagt Loest.

Vor 1989 strömten die Ausreisewilligen und Dissidenten in die Nikolaikirche, heute kommen in der Mehrheit Friedensgruppen, Arbeitslose und Asylsuchende. Die Männer und Frauen von Pax Christi sprechen an diesem Montag über den Handel mit den Waffen der aufgelösten Nationalen Volksarmee. „Wir sagen nein zum Wettrüsten, auch wenn wir in einer Ohne-Macht-Situation sind“, sagt eine junge Frau, die anschließend leise das Lied „Bleibet hier und wacht mit mir“ anstimmt.

Das Hier im Jahr 1994 ist anders als im Jahr der „sanften Revolution“: Die Zahl der Protestanten schrumpft. Zehn Prozent der 495 000 Leipziger gehören noch der protestantischen Kirche an. Davon gehören 1000 Seelen zur Nikolaigemeinde – sie ist die kleinste Gemeinde in der Stadt, eine radikale Diasporasituation. Das einzige positive Zeichen ist die steigende Zahl der Taufen; seit der Wende waren es 130.

Die Wirtschaft stürmt mit ICE-Geschwindigkeit in die Zukunft. Leipzig wird zu einer Stadt der Superlative ausgebaut: Quelle baut im Norden der Stadt das größte und modernste Versandlager der Welt. Ein Stadtteil am alten Messeplatz wird auf dem Reißbrett entworfen. Die Innenstadt mit ihrem Netz von Höfen und Passagen wird geliftet.

Doch aus der einstigen Heldenstadt ist eine Stadt mit 25 bis 30 Prozent Arbeitslosen geworden, wenn auch die Kurzarbeiter, Umschüler und Vorruheständler hinzugerechnet werden. Leipzig war bis 1989 überindustrialisiert. Nach der deutschen Einheit mußten die maroden Metall- und Textilfirmen schließen.

In dieser Situation macht die Nikolaigemeinde den Menschen Mut. „Wir sind nicht Sachverwalter des innerkirchlichen Bestandes, sondern müssen Verantwortung für alle Menschen übernehmen“, sagt Pfarrer Christian Führer. Nach dem Leitwort „Nikolaikirche – offen für alle“ gründete er mit ABM-Kräften die Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig (KEL).