Von Andreas Isenschmid

Das ist ein ernstes Buch, Leser. Zweimal nur wird in ihm gelacht, und auch dann nur eine Zeile lang. Von Glück ist kaum die Rede. Es enthält (zwischen 1977 und 1990 in der DDR geschriebene) Nachrichten aus dem beschädigten Leben. Es spielt in schwierigen Zeitläuften und handelt von der Schwierigkeit, „Mensch zu bleiben“. Es zeigt dir Einsame und Bittere, Verlassene, Verratene und Verstümmelte. Die Stimmung ist düster, das Klima kalt, das Licht eine Zwanzigwattbirne in einem leeren Korridor.

Aber hin und wieder sagt jemand nein. Der sozialistische Frauenarzt Sebastian Körner, der illegale Abtreibungen vornimmt und den die Weimarer Republik angeklagt und die Nazis verurteilt haben, sagt, als er in der DDR nach Denunziationen wieder vor Gericht steht und ihm der Richter eine Ausflucht offeriert: nein. Er bewahrt die Wahrheit, verliert die Approbation und stirbt als Pförtner.

Nein sagt die achtundsiebzigjährige Jüdin Anna Kozower, als ihr die Nazis qua Polizeiverordnung den Namen Sara aufzwingen wollen. Als ihre Enkelin ihr erklärt, das Gesetz zwinge sie aber, einen jüdischen Namen zu tragen, überlegt sie und sagt dann „freudig erregt: Dann will ich Miriam heißen. Das ist ein schöner Name. Ich wollte schon immer Miriam heißen“. Und das gleiche sagt sie auch, ihm mehrfach widersprechend, einem Polizisten, der sie kontrolliert, beschimpft und bedroht. Sie kommt nach diesem Vorfall mit Herzschmerzen nach Hause, „aufs äußerste erregt“, aber – Heins Glück! – „dennoch glücklich“, auch „stolz“ und stirbt noch in derselben Nacht.

Und nein möchte auch der dreißigjährige Bauer Gotthold Sawetzki sagen, der Held der Titelerzählung, die so viel Weh und Welt umfaßt, daß man sie fast Kurzroman nennen möchte und einmal mehr bedauert, daß wir den Ausdruck powesti, den die Russen für diese Gattung haben, nicht kennen. Da Sawetzki es aber weniger mit Menschen und Wörtern und mehr mit den Kälbern hat, die sein ein und alles sind, sagt er auf seine Art nein zu Schlamassel, Verantwortungsflucht und überhaupt: Er exekutiert vor dem Büro der Genossenschaftsleitung, denn wir sind in der DDR, mit Spaten und Messer ein Kalb und soll dabei sogar – Heins Lachen! – „gegrinst“ haben.

Nun täusche man sich aber nicht. Diese Erzählungen sind zwar ernst und handeln vom schwierigen Deutschland dieses Jahrhunderts. Doch zugleich scheinen sie aus den Tiefen des 19. zu kommen und sind, in einiger Heimlichkeit, auch ganz schön verspielt. Es hallt in vielen ein klassischer Klang, denn Hein spielt Hebel, Kleist und Konsorten. Und zwar mit Raffinement.

„Unverhofftes Wiedersehen“ heißt eine von Hebels Kalendergeschichten – „die schönste Geschichte der Welt“, wie Ernst Bloch, der andere linke Hebel-Verehrer neben Walter Benjamin, meinte. In diesem linken Hebel-Leserbund ist Hein nun der dritte. Er hat sich Hebels Titel für eine seiner Geschichten in diesem Band ausgeliehen. Und hat in einer anderen die berühmte Passage, mit der Hebel im „Unverhofften Wiedersehen“ die Zeit ins Land gehen ließ, teils wörtlich paraphrasiert. Andere Geschichten hat er in kleistisch verwinkelten Satzbauten einquartiert. Und viele läßt er in solch frühem, altem Ton anheben, samt „Handwerksmeistern“, „wackeren Söhnen“ und „geliebtem Vaterland“, daß wir erst nach einigen Seiten, als endlich ein Fernseher oder wenigstens ein Vulkanisierwerk auftaucht, eine Ahnung kriegen, in welcher Gegenwart wir sind.