Julio Cortazar, der argentinische Schriftsteller, ist, kurz gesagt, das genaue Gegenteil von Klaus Kinkel, unserem Bundesaußenminister. Seine Bücher verstehen sich als Sprengsätze im gesunden Menschenverstand. Wer auf das geringste Übel zielt, der typische FDP Wähler, wird von diesem Autor in die Ecke gestellt. Dabei ist, weiß Gott, nicht alles unverständlich "Bisbis bisbis" sagt, zum Beispiel, eine gewisse Feuille Morte, immer, wenn sie etwas sagt. Mehr sagt sie nie. Durch das ganze dicke Buch hindurch. Bis zum allerletzten Satz: Bisbis bisbis, sagte Feuille Morte " Dafür geht ein Kontrolleur richtig aus sich heraus und verlangt, "Oswald aus dem Fenster zu werfen" oder, "bei Zuwiderhandlung", droht er: "Sie steigen alle drei an der nächsten Station aus " Worauf der Pareder, beziehungsweise, wie es immer heißt, "mein Pareder", wenn ich das richtig verstanden habe, eine Art Doppelgänger, aus Angst vor der Polizei, "sich kurzerhand Oswald schnappte und ihn liebevoll in seinen Käfig steckte".

Daß es sich bei Oswald um eine Schnecke handelt, die mittels Salatblatt zu einem Wettlauf animiert wird, ist bei einem Autor, der seinen Kater, durchaus hochachtungsvoll, Theodor W. Adorno genannt hat, nicht weiter verwunderlich. Auch wenn, ja gerade weil seine Geschöpfe des öfteren und aus guten Gründen beklagen: "Ich sehe da keinen Zusammenhang". Richtig. Das ist alles ganz schön vertrackt "Ich möchte ein blutiges Schloß, hatte der dicke Gast gesagt So fängt es an. An Weihnachten, in einem Restaurant. Mit Juan, einem Argentinier in Paris. Und mit vielen Andeutungen, offenen, versteckten, die den Leser ahnen lassen, daß die Vampire vielleicht aus der Kulturgeschichte stammen, ihr Unwesen aber woanders, möglicherweise in unserem Bewußtsein, treiben. Vielleicht hat sich Juan nur verhört. Vielleicht hatte der dicke Gast gar kein "blutiges Schloß", sondern nur ein Chateaubriand bestellt und alle weiteren Spekulationen sind überflüssig. Wer weiß?

"62Modellbaukasten". Ein Roman mit diesem Titel wird, solange Bücher ihren Tauschwert in klingender Münze ausdrücken, auf keiner Bestsellerliste landen. Die sogenannten "Leser Erwartungen" werden von Cortazar nicht etwa enttäuscht, sie werden, wenn es hoch kommt, ignoriert. Cortazar schreibt nicht für Spät Yuppies vom Typ des Fischer Lektors Uwe Wittstock, der von der Literatur verlangt, sie "muß ihm Vergnügen machen", ihm, das heißt dem Leser, den er sich konsequenterweise "bildlich" so vorstellt: "An einem Winterabend lehnt sich ein einigermaßen gebildeter, gutwilliger Medienkonsument in seinem Sofa zurück, die Stehlampe brennt, die Zentralheizung rauscht leise und vor ihm auf dem Couchtisch" - da liegt der psychologische Realismus, weltmännisch aufgemotzt (Grisham), doch immer noch passend zur Strickjacke (Hugo Boss) und den Hausschuhen (Bally) und zum Dackel, der Willy heißt.

Dieser Leser wird von Cortazar links liegengelassen, auf dem Weg ins Offene (des auch literarischen Abenteuers). Die Wanderung, auf die Cortazar seine Leser mitnimmt, führt durch holpriges, aber reizvolles Gelände "62Modellbaukasten" ist ein strenger Titel. Er verweist auf das 62. Kapitel des großen "metaphysischen" Romans "Rayuela. Himmel und Hölle", Cortäzars Hauptwerk aus dem Jahre 1963. Dort, im dritten Teil des Buches, beschreibt Morelli, ein erfolgloser Schriftsteller und Literaturtheoretifcer, alter ego des Autors, ein gescheitertes ProjeÄ: einen Roman, in dem eine Gruppe von Menschen glaubt, normal, psychologisch zu reagieren, aktiv und selbständig zu handeln. In Wahrheit sind diese Menschen aber nur der Spielball fremder Mächte "Schriebe ich besagtes Buch", schreibt Morelli, "wären die Standardverhaltensweisen (inklusive der allerungewöhnlichsten, welche ihre Luxuskategorie sind) mit dem gebräuchlichen psychologischen Instrumentarium unerklärlich. Die Akteure würden als wahnsinnig oder völlig idiotisch erscheinen Ein Raum, der keinen Platz läßt für psychologische Kausalität, erscheint nicht nur als ungewiß und offen, sondern zugleich immer auch als beängstigend und bedrohlich.

Dieses Buch, das Morelli, die Figur aus "Rayuela", schreiben wollte, hat Cortazar 1968 schließlich selber geschrieben. Es ist jetzt, mit schwer begreiflicher Verspätung, auf deutsch erschienen: "62Modellbaukasten". Cortazar präsentiert aber hier keineswegs, wie man leicht glauben könnte, Einzelteile, aus denen sich der Leser sein Buch selbst zusammensetzen müßte. Er provoziert nur unterschiedliche Deutungen. Er präsentiert verschiedene Arten und Weisen der Wirklichkeit: eben Erkenntnismodelle. Für "Rayuela" galt, in guter surrealistischer Tradition, noch der Zufall. Die Handlung spielt schließlich zunächst im Paris der fünfziger Jahre, später dann in Lateinamerika. Hier hingegen wird ein System vorgeführt, das durchaus den komplexen Anforderungen moderner Systemtheorie genügt: "Mein Pareder hat recht, wenn er sagt, daß Sartre verrückt ist und wir viel eher die Summe der Handlungen anderer als der eigenen sind Und hier wird anders als in "Rayuela" alle Reflexion materialisiert. Das heißt: Die Gedanken werden nicht in der Erzählung, sie werden durch die Erzählung ausgedrückt. Das heißt: durch die Geschichte einer Gruppe von Leuten, die in London, Paris und Wien leben. Diese drei Städte lassen sich schwer voneinander abgrenzen. Die Grenzen sind porös geworden. Der Lebensraum ist nicht mehr ein einzelner, bestimmter Ort, sondern, allgemein, die Stadt. Auch die Zeit ist durchlässig geworden. Das Vorspiel mit dem "blutigen Schloß", eine veritable Ouvertüre, in der alle Themen und Motive angespielt werden, könnte auch ein Nachspiel sein. Auf jeden Fall geht, wie bei Beckett, "irgendetwas seinen Gang". Juan, vielleicht die Hauptfigur, ist, ohne daß darauf näher eingegangen würde, beruflich als Dolmetscher bei internationalen Konferenzen unterwegs (Auch Cortazar hat übrigens nach seiner Emigration aus Argentinien lange Jahre in Paris für UN Organisationen gearbeitet ) Er hat eine dänische Geliebte, Teil. Er liebt aber Helene, eine Pariser Anästhesistin, der gerade bei einer Operation ein junges Bürschchen gestorben ist "Ich habe dich getötet, Juan", bekennt deshalb, Freud läßt herzlich grüßen, die Ärztin, um sich sogleich zu korrigieren: "Natürlich warst du es nicht, ich habe auch ihn nicht getötet", aber: "Da hat es angefangen, an eben dem Tag " Ihr ist jedenfalls klar, daß sie und Juan und die anderen "zu Gott weiß was dienen". Aber Helene hat auch lesbische Neigungen. Sie bringt darum die junge, von zu Hause abgehauene Celia um ihre Unschuld, was dann Austin, den späteren Geliebten, dazu verführt, das Mädchen zu rächen und Helene um die Ecke zu bringen. Austin seinerseits wurde in London, wo Marrast, der Bildhauer, Steine kaufen will, von dessen Geliebter Nicole in die Liebe eingeführt, obwohl Nicole eigentlich Juan liebt. Da dreht sich etwas im Kreis herum. In dem beigefügten kleinen Bändchen mit Deutungen und Materialien zu diesem Roman, das Rudolf Wittkopf, der Übersetzer, herausgegeben hat, findet sich in diesem Zusammenhang gleich mehrfach der Hinweis auf ein Kaleidoskop. Aus diesen Beziehungen und den entsprechenden Wechselwirkungen resultiert jedenfalls die Handlung des Romans, immer wieder angereichert, wie es Cortazar liebt, mit teils komischen, auch grotesken Episoden. Die Puppe von Monsieur Ochs, die einen offenbar obszönen Gegenstand in sich (ver)birgt, dje sonderbare Bootsfahrt, die Polanco und Calac, die beiden argentinischen Clowns, qia eiliem Teich stranden läßt, daneben seltsam !i rührende Liebesszenen und haarsträubende Begebenheiten. Dada und moderne Erkenntniskritik, klassische Kalauer und naturwissenschaftliche Spekulation münden in ein Erzählen, das Grenzen nicht akzeptiert.

Das Buch stellt keineswegs hohe Anforderungen an seine Leser. Im Gegenteil, es genügt völlig, locker zu bleiben. Mental locker, wie Bobbele zu sagen pflegt. Und das ist gar nicht so einfach. Denn können Sie sich vorstellen, daß Kinkels Kater Kant heißt oder auch nur, wie der von Cortazar, Adorno?

"Sie sind der größte Plotzbrocken", sagte Calac. "Und Sie der mickrigste Kondomikus", sagte Polanco. Und beide haben, Cortäzar Leser wissen es, gleichermaßen recht.