Von Fredy Gsteiger

Istanbul

Die Fahrt von Istanbuls europäischem Bahnhof in die Vororte kostet umgerechnet keine dreißig Pfennige, gleich, für welche Strecke. Für die meisten Fahrgäste in den brechend vollen Wagen lohnt sich dieser Einheitstarif. Denn sie müssen weit fahren, sich mehr als eine Stunde lang durchrütteln lassen, bevor sie daheim sind. Daheim? Wellblechhütten, Bretterbuden, Plastikverschläge entlang des Bahndammes, in der Anflugschneise des Flughafens, oft ohne Wasser und ohne Strom. Die meisten sind schäbiger als die Gartenhäuschen in den schicken Vorstädten, dort, wo der Bahnhofsvorstand seine Station mit Blumen schmückt und die Wartebänke grellgelb gestrichen sind. Draußen jedoch, wo die Zehn-Millionen-Metropole ständig weiterwuchert, wo sich monatlich 30 000 Neuankömmlinge aus dem bürgerkriegsgeplagten Südostanatolien niederlassen, da draußen leben viele der vier Millionen Kurden Istanbuls, da draußen herrschen Smog und Staub.

Alle paar Minuten wischt der Süßwarenhändler seine Auslage von Keksdosen mit einem Wedel ab. Gepflegt ist hier einzig die Moschee. Und für Farbe in der Tristesse sorgen lediglich die riesigen Transparente der politischen Parteien. Übernächstes Wochenende wird gewählt. Landauf, landab bestellen die Türken ihre Bürgermeister. Der Wahl kommt angesichts der wachsenden Spannungen im Land weit mehr als kommunale Bedeutung zu.

Die türkische Ministerpräsidentin im eleganten weißen Deux-pièces, die Kandidaten, nadelgestreift und beschlipst, passen schlecht in den Armutsgürtel um die Stadt am Bosporus. Sie kommen aus einer anderen Türkei. „Diese Frau muß weg“, zischt verbittert ein junger Mann, dem Regierungschefin Tansu Çiller noch vor kurzem imponierte. Selbst in ihren eigenen Reihen und unter Beamten gilt sie als politisch gescheitert. Weder brachte sie dem Land Frieden, noch sanierte sie die Wirtschaft. Wer in diesen Tagen über sie redet, tut das äußerst kritisch. Die Menschen in den Slums hingegen schweigen zumeist. Sie sind verunsichert; sie haben Angst; viele leben in illegalen Notbehausungen.

Der Wahlkampf erscheint im Westen des Landes gleichwohl lebhaft und fair. Lautsprecherwagen und Fahnenträger verschiedener Parteien treffen sich auf einer Straßenkreuzung zum vergnügten verbalen Schlagabtausch. Ein Plakatkleber der Mutterlandspartei leiht einem Widersacher von der „Partei des wahren Wegs“ seine Leiter. Wahlkampfzeiten sind hier fröhliche Zeiten. Die Demokratie ist beliebt. Zu lange hat man sie missen müssen.

Ganz besonders gut kommt Necmettin Erbakan an, der Führer der islamistischen Wohlfahrtspartei. Seine Klientel sind nicht nur die Slumbewohner, sondern mehr und mehr auch vom „arroganten Europa“ enttäuschte Türken und viele junge Intellektuelle. Rund um die ehrwürdige Beyait-Universität hängen die Poster der Islamisten. In den Hörsälen tragen viele Frauen neuerdings Schleier und Männer Bärte. In naturwissenschaftlichen Lehrbüchern ist bereits von „Glaubenszellen“ im Hirn die Rede. Überall werden islamische Videos, Kassetten und prächtig aufgemachte Bücher feilgeboten. Erbakan ist bemüht, das Bild eines aufgeklärten Islams zu vermitteln. Stolz verkündet er, eben sei eine ganze Schar fescher Mannequins in seine Partei eingetreten. Er weiß natürlich, daß nach siebzig Jahren Kemalismus in der Türkei (noch?) keine Mehrheit für einen radikalen Islam zu bekommen ist. Freilich: Sollte seine Wohlfahrtspartei das Stadthaus von Istanbul erobern, dürften die Tage gezählt sein, da in der belebten Istiklal-Straße Scharen von Männern ihre Nasen plattdrücken an den Kinoschaufenstern und Bilder der italienischen Pornodarstellerin Cicciolina anstarren. Erbakans Getreue werben auch geschickt um die Gunst der fünfzehn Millionen Kurden im Land, seit die Regierung in Ankara und die Militärs deren Partei, die DEP, mit Schikanen, Verhaftungen von Abgeordneten und Verbotsdrohungen ausgeschaltet haben.