Sie sind vornehm. Ihr Hang zur Diskretion erhöht zuerst die Langeweile, dann das Interesse. Manchmal blättern ihre galanten Aussagen im Stil zwei Jahrhunderte zurück. Es ist Sommer Über ihren Köpfen spreizt ein Feigenbaum seine Blätter. Aber wenn einer das Wort "Romantik" ausspricht, tritt der andere drauf, und beide sind verlegen. Dabei ist Romantik ihr heimliches Thema. Meistens verstecken sie sich im olympischen Hain ihres Wissens. Dann sitzen wir da und zählen die gelehrten Namen mit ein- und zweimal zehn Fingern.

Proust ist Apoll. Stendhal Hermes. Andere treten auf: Balzac, Flaubert, Zola, Goethe am Rande, Huysmans, Baudelaire, Valerys Name klingt wie der eines Königs, Sartre, Beauvoir, oft Barthes und Bataille, Deleuze, Foucault, Bourdieu und Albert Cohen.

Ein Gespräch in zehn Kapiteln: Frangoise Giroud verteidigt die moderne Frau, Bernard Henri Levy die alte männliche Liebe. Sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin mit Hinwendung zu Biographien extremer Frauen: Ahna Mahler Werfel und Jenny Marx. Er gehört zu den Nouveaux PhiloKunst. 1993 drehte Levy einen Film über "Einen Tag im Sterben von Sarajevo".

Er ist jünger als sie und redet mehr. Sie löst sich schwerer von ihrer vorgehaltenen Hand. Er hält die Tugenden hoch, von denen wir fürchteten, sie seien für immer Literatur. Wir lesen, staunen und seufzen "glückliches Frankreich". Was für Holzklötze wir Deutschen doch sind!

Die Deutschen tun in dieser flirrenden Konversation wenig zur Sache; mal wird Werthers Name gestreift, mal bei Schopenhauer etwas gefunden. "Wissen Sie", sagt Francoise Giroud, "daß in Deutschland die Hälfte aller Pornokundschaft weiblich ist?" Wer sich, wie die beiden, sicher fühlt, daß zu Hause die Beziehungen zwischen Mann und Frau die besten der Welt sind, hat, ohne zu spielen, schon gewonnen.

Das Sommergespräch kommt verlegen in Gang. Erst muß das platte Zeug gesagt sein: "In Wirklichkeit denken sie alle nur an das eine!" Oder: "Pardon, ich sage es nochmals: die Liebe existiert - "Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen", sagt er "Ich glaube ja auch daran "

Auf das Schlagwort von der "neuen Keuschheit" folgt das Wort "Aids" "Es gibt keine Liebe ohne Schuld", sagt er. Sie sieht eine "generalisierte Appetitlosigkeit" kommen, und er schiebt die Rückbewegung der "generalisierten Enterotisierung" nach Über die höhere Lebenserwartung wird Schlechtes gesagt. Auf später verschieben macht das Heute nicht besser.