Von Heinz-Günter Kemmer

Was die RWE Energie AG, die Stromtochter des RWE-Konzerns, ihren Kunden Anfang des Monats vorsetzte, kann Konzernchef Friedhelm Gieske nicht geschmeckt haben. Denn da wurde – in ganzseitigen Zeitungsanzeigen – ein neuer Stromtarif in einer Form präsentiert, die auf Verständlichkeit keinerlei Wert legte. Und mit keinem Wort wies der Monopolist seine Kunden darauf hin, daß sie nun fast fünf Prozent mehr für die Kilowattstunde zahlen müssen. Zu begründen, warum das so sein muß, hielt die RWE Energie AG ganz offensichtlich für überflüssig.

Wenn Gieske von der Stromtochter spricht, dann kommt ihm schon mal der Begriff „hoheitlicher Bereich“ über die Lippen. Und hoheitlich haben sich die Stromverteiler wahrlich wieder einmal gebärdet: Der Vorstand hat den neuen Tarif beschlossen, das Landeswirtschaftsministerium hat ihn gebilligt, basta. Zum „neuen RWE“, von dem Gieske immer schwärmt, paßt das wie die Faust aufs Auge. Es ist offenkundig, daß es dem seit Mitte 1989 amtierenden Konzernchef nicht gelungen ist, den Geist des Unternehmens zu erneuern. „Kunden“, so hat er einmal gesagt, „behandelt man anders als Abnehmer.“ Aber das sieht die Stromtochter wohl nicht so.

Dabei hat Gieske durchaus Erfolg gehabt. Aus dem eher beschaulichen Stromkonzern, der nebenher noch ein paar Industrieunternehmen betrieb, hat er ein international tätiges Unternehmen gemacht. Der spektakulärste Schritt auf diesem Wege war der Kauf der Deutschen Texaco AG, die mit der RWE-Tochter UK Wesseling fusioniert wurde und nun als RWE-DEA eines der großen Unternehmen im deutschen Mineralölmarkt ist. Das RWE stieg in das Entsorgungsgeschäft ein, kaufte seiner Tochter Heidelberger Druckmaschinen die Harris Graphics Corporation in den Vereinigten Staaten zu, beteiligte sich an der amerikanischen Steinkohlengesellschaft Consol Energy und erwarb die Vista Chemical Company in Houston – und das sind nur die wichtigsten Akquisitionen.

War der Energiebereich im Geschäftsjahr 1987/88 noch mit rund zwei Dritteln am Konzernumsatz beteiligt, so ist sein Anteil 1992/93 auf 35 Prozent gesunken. Wenn es ums Geldverdienen geht, ist der Strom freilich immer noch Spitze – fast die Hälfte des Ertrages steuerte im letzten Geschäftsjahr die RWE Energie AG bei. Sie ist für den Konzern eine sichere Bank. Die übrigen Geschäftsbereiche stehen im Wettbewerb und sind damit den Markt- und Konjunkturschwankungen ausgesetzt.

Was Gieske noch gern verändert hätte, bevor er Ende des Jahres das Steuer einem anderen überläßt, ist die Aktionärsstruktur des Unternehmens. Daß Kommunen die größten Aktionäre des RWE sind, daran kann er nichts ändern, doch er hätte gerne deren Einfluß geschmälert.

Seit seiner Gründung im Jahre 1898 war das Unternehmen darauf bedacht, die Versorgung möglichst vieler Gemeinden zu übernehmen. Die Kommunen wurden für den Verzicht auf die Eigenversorgung mit RWE-Aktien entschädigt und wuchsen so zur stärksten Macht heran. Als sie in den zwanziger Jahren wegen der auch damals herrschenden kommunalen Finanznot nicht in der Lage waren, sich an Kapitalerhöhungen des RWE zu beteiligen, und damit Gefahr liefen, an Einfluß zu verlieren, erhielten ihre Aktien das zwanzigfache Stimmrecht. Das ist ihnen bis heute erhalten geblieben und sichert ihre Macht.