Dies alles gibt es also noch: die Blütenpracht des Wiesenkerbels und den Nadelduft von Lärchenwäldern, das luminöse Gelb der Sumpfdotterblume und den morgendlich dampfenden Misthaufen. Und als müsse dies alles dem Vergessen entrissen werden, bringt Michael Donhauser seine (fast) ungetrübten Natureindrücke beflissen ins Gedicht, an wechselnden Orten und zu verschiedenen Jahreszeiten (Von den Dingen. Prosagedichte; Carl Hanser Verlag, München; 118 S., 25,– DM). Donhausers Langgedichte, frei sich verzweigende, wiewohl hochgezüchtete Sprachgewächse, richten und ranken sich ganz nach ihrem jeweiligen Gegenstand. Gleich, ob es um Zypressen, Gestrüpp, Tomaten oder Pfirsiche geht: Indem das lyrische Ich sich, geduldig und genau, assoziativ und analytisch, seinem Gegenstand nähert, entspinnt sich eine magische Wechselwirkung zwischen Beobachtung und Imagination, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren der Dinge. Da erscheint die Zypresse als „ein stringenter Baum: ein Aristokrat unter den Bäumen“, und die pralle Tomate gibt sich „von der Art voller Reife einer Isabella Rossellini“ zu erkennen. Dennoch ist der geistige Ertrag dieser lyrischen Botanik eher spärlich. Denn wo immer die sprachlichen Exkursionen in eine anthropomorph imaginierte Flora schweifen, evoziert der Naturdichter nicht das Wesen der Dinge, sondern nur das, was er im „Misthaufen“ erblickt: „eine gesättigte Mischung von zerkleinerter und verdauter Prosa“. Ihre poetische Strahlkraft beziehen Donhausers Rhapsodien allein aus den konkret erfaßten, bisweilen berückend ins Bild gesetzten Phänomenen; etwa, wenn das „stumme Knirschen vom Kies“ der Abendruhe weicht: „Liegt der Kies still, spiegelt er die Stille.“ Solchermaßen zeigt sich der Wiener Wortkünstler als begabter Nachfahr von lyrischen Phänomenologen wie Ponge oder Rilke, der ja schon vor Zeiten bekannte: „Meine Welt beginnt bei den Dingen.“

Michael Kohtes