Von Christiane Peitz

Zwei Goldfische schwimmen im Kreis, der eine rechts-, der andere linksherum. Als sie einander begegnen, verlieben sie sich, und da sie kein Gedächtnis haben, verlieben sie sich bei jeder Runde neu. Ein Dubliner schenkt das Goldfischglas seiner Freundin: eine Liebeserklärung. Besser kriegt er’s nicht gesagt.

Die kurze Geschichte von den Goldfischen und ihrer ewigen Liebe stammt aus Peter Chelsoms Film "Hear my song". Eine kleine, romantische Komödie, eine Inselgeschichte, eine Story aus Irland. Auf einer Insel können die Menschen einander nicht entkommen; im Kino sind die Straßen von Dublin oder Belfast immer eng, die Häuser niedrig, die Wohnungen klein. Irland, sagen die Ortskundigen, sei das Land des kargen Bodens und der mystischen Landschaft, des Alltags und der Magie, des Realismus und der Romantik. Ein Land, das die Logik herausfordert: Dort herrscht ein Krieg, für den keiner eine Lösung weiß, dort gibt es katholische Terroristen, anarchistische Bauern und mengenweise Überlebenskünstler.

Nur in Irland können schwangere Töchter ("The Snapper" von Stephen Frears), eine miese Rockband ("The Commitments" von Alan Parker), ein gelähmter Arbeiterdichter ("Mein linker Fuß" von Jim Sheridan), ein Saxophon spielender Alkoholikersohn ("Miracle" von Neil Jordan) oder ein gesuchter IRA-Terrorist ("The Crying Game") zu Kinohelden avancieren. Meist sind es Helden wider Willen, die zur falschen Zeit an den falschen Ort geraten und ihrer Rolle zunächst kein bißchen gewachsen sind. So erzählen irische Filme wundersame Geschichten von gar nicht so wundersamen Leuten; und nicht selten sind diese Geschichten auch noch wahr. Darin liegt ihre politische und emotionale Sprengkraft.

Auch die folgende wahre Geschichte handelt von einem Mann zur falschen Zeit am falschen Ort. Am Abend des 5. Oktober 1974 explodieren Bomben im Londoner Vorort Guildford: fünf Tote, zahlreiche Verletzte. Gerry Conlon aus Belfast verbringt diesen Abend zusammen mit seinem Freund Paul Hill auf einer Parkbank. Ein Jahr später wird Conlon für den Anschlag auf den Guildford-Pub zusammen mit Paul Hill und zwei weiteren Freunden mit Hilfe erpreßter Geständnisse zu lebenslanger Haft verurteilt. Conlons Familie – seine Tante Annie soll die Bomben angeblich in ihrer Küche gebastelt haben – wird kurzerhand mitverurteilt, unter den "Maguire Seven" befindet sich auch Gerrys Vater Giuseppe. Erst fünfzehn Jahre später werden die Urteile nach massiven Protesten aufgehoben.

Der Fall der "Guildford Four" gehört zu den größten Skandalen der britischen Rechtsprechung: eine ungeheuerliche Häufung von Justizirrtümern, Beweisunterdrückung, Meineiden und Manipulation. Für Giuseppe kommt die Revision zu spät; der lungenkranke Arbeiter starb 1980 im Gefängnis. Die Polizisten, die mißhandelt und gelogen hatten, wurden im vergangenen Jahr freigesprochen. Im Namen seines Vaters kämpft Gerry Conlon bis heute für dessen Rehabilitierung.

"Im Namen des Vaters", Jim Sheridans Verfilmung der Autobiographie von Gerry Conlon, wurde für sieben Oscars nominiert und gewann auf der Berlinale den Goldenen Bären. In der gleichen Woche stand Conlons Freund Paul Hill erneut vor Gericht, wegen eines weiteren erpreßten Mordgeständnisses. Die britische Boulevardpresse beschimpfte derweil Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis und Emma Thompson (als Conlons Anwältin) wegen ihrer Mitwirkung an Sheridans "IRA-Machwerk". Ein Happy-End ist nicht in Sicht.