Er gehört längst zur Familie, obwohl wir ihn weder gezeugt noch geklont haben (obwohl er ziemlich geklont aussieht): der Goldjunge, der Milchbubi, das Kinder-Schokoladen-Kind. Er ist Muttis Liebling, mich aber läßt er frösteln, jeden Tag, wenn er mir vom Supermarktregal her sein maliziöses Lächeln schenkt. Manchmal flüstert er mir zu: „Think positive, sag ja zum Bösen, denn in jedem Bösen (= Schokolade) steckt ein Gutes (= Milch)!“

Seine „gesund“-gebräunte Haut läßt seine Zähne weißer als weiß hervorblitzen. Wie eine Reihe von Perlen addieren sich diese Zähne zum Schuldkonto der angriffslustigen Schokolade. Schadet Schokolade etwa den Kinderzähnen? Der Tarnname „Kinder Schokolade“ (gibt es Erwachsenenschokolade, und inwiefern ist diese obszön?) verkündet, daß diese Schokolade eigens für Kinder gemacht ist und diesen daher gar nicht schaden kann. Das weiße Stanniolkleid des Einzelriegels verhüllt jenes Braun, das dem dunklen Fleck der Karies allzu verwandt erschiene. Und schließlich zeigt sich diese Schokolade noch als im Kern von lauterstem Weiß, einem Weiß, das nach erfolgter Verinnerlichung in den bleckenden Zähnen seine Wiederkehr feiern soll.

Erst hinter dem Gehege dieser Zähne eröffnet sich die Tiefendimension des Kinderriegels. Inbegriff von früher Kindheit ist die wundersame Verwandlung von Muttermilch in „Schokolade“. Kinder Milchschnitte, Kinder Schokolade und Überraschungs-Ei thematisieren diese skandalöse Wandlung, indem sie sie umkehren und aus dem schlimmen Output (Schokolade) den nährenden Input (Milch) wiederkehren lassen. Das Hauptthema der Kinder Schokolade heißt Entschuldung. Die „Extraportion Milch“, die sich im weißen Teil des Schokoerzeugnisses zeigen soll, symbolisiert nicht nur die Muttermilch, sondern auch jenen Status der Schuldlosigkeit, den nur das Kleinkind haben kann, weil es Güter empfängt, ohne dafür einen Gegenwert eintauschen zu müssen.

Erst im Stadium der Reinlichkeitserziehung verwandelt sich der reine, unschuldige Konsument in einen kleinen Ökonomen, dessen schokoladeähnliches „Gegengeschenk“ an die Mutter jedoch dem Schicksal der Verwerfung nicht entgehen wird. Das Kinderkind und sein Milchriegel propagieren das Wunschbild einer vollständigen produktiven Akkumulation ohne Überschuß und Abfall. Unser Goldjunge ißt und wächst, er ist ein optimaler Futterverwerter, ein Anlagevermögen, das in sich das Gute der Investition zu sammeln und zurückzuhalten vermag. Er verdaut und bleibt doch wie sein Riegel innen weiß und rein. Alle mütterlichen Zuwendungen bleiben in ihm erhalten.

Da Mutti den Riegel bezahlt, ist sie auch die Hauptadressatin seiner Verheißungen. Als berufstätige Frau nimmt sie zumindest mittelbar an der industriellen Produktion von Luxusdingen teil. Ihre tägliche Tätigkeit verschwendet sie nicht an die Begleitung ihres Kindes, sondern verdinglicht sie zu Produkten, zu Waren. Der Riegel hat die optimale längliche, kompakte und verpackte Warenform; diese verweist sowohl zurück auf die Fließbandproduktion als auch voraus auf den Verdauungskanal des kleinen Konsumenten. Die Problematik der Verdinglichung weiblicher Produktivität findet in der Milch Schnitte ihre enthüllende Verbergung. Die vorenthaltene Zuwendung, als deren Inbegriff die Milch fungiert, kann, zur Warenform des Riegels geronnen, von der Mutter dem Kind symbolisch rückerstattet werden. Kinderriegel dienen zur Beschwichtigung von Schuldgefühlen der von der Industrie eingespannten Frau.

Aber vielleicht sollte uns das artifizielle Lächeln des Goldjungen Hoffnung machen, daß die Gentechnologie bald so unerschrocken dreinblickende Homunculi wie ihn hervorbringen könnte. Kinder, die Zuwendung endlich nur noch in Riegelform benötigen. Kinder, die ihre Abspeisung so tapfer wie er vor sich hertragen und dabei ihre Zähnchen fletschen zum unerbittlichen Lächeln der Sieger.