DANNENBERG. – Das Amtsgericht thront inmitten der Stadt auf einem Hügel. Unterhalb des roten Backsteingemäuers schlängelt sich die Elbe. Davor ragt ein alter Wehrturm, der in früheren Zeiten schon als Gefängnis diente, in den grauen Winterhimmel. Nicht nur der dänische König saß einst darin, sondern auch mancher arme Schlucker.

Ganz andere Qualen müssen Menschen über sich ergehen lassen, die heute so tief in der Kreide stehen, daß ihre Gläubiger die Geduld verlieren. Ihnen droht die Zwangsversteigerung. Für den Wendlandbauern Heinrich Pauls (Name geändert) ist diese Drohung Wirklichkeit geworden.

Besucher der Versteigerung haben sich schon eine halbe Stunde vor der Zeit im Flur des Amtsgerichts eingefunden – Bauern der Umgebung, Vertreter des örtlichen Landhandels. Die Männer in Parkas oder Wattejacken debattieren lautstark über Gott und die Welt, scherzen und lachen. „Sie sind hier im Amtsgericht und nicht in der Kneipe“, schimpft ein Richter, der aus seinem Büro eilt. „Hier wird gearbeitet!“ Das wirkt. Die Männer setzen ihre Unterhaltung im Flüsterton fort, bis sich die Tür des Saals zur Versteigerung öffnet.

Die Szenerie hat etwas von einer Gerichtsverhandlung. Vorn, ganz allein hinter einer langen Tischreihe, präsidiert der Rechtspfleger. Der junge Mann im dunklen Anzug und mit Nickelbrille führt in das Procedere ein und listet die vielen Flurstücke auf, die „nur im Bündel“ zu ersteigern sind (insgesamt 66 Hektar einschließlich der Hofstelle). Während er erläutert, daß mindestens die Hälfte des Verkehrswertes in Höhe von 886 000 Mark geboten werden müssen, tauscht er bedeutungsvolle Blicke mit einem noch eleganter gekleideten Herrn zu seiner Rechten, der der eigentliche Herr des Verfahrens zu sein scheint. Es handelt Sich um den Vertreter des wichtigsten Gläubigers, der Norddeutschen Landesbank, kurz Nord/LB. Hinter der Balustrade, ganz in der letzten Reihe, drängt sich das Publikum vom Lande. Mit in die letzte Reihe gequetscht hat sich auch der Bauer, dessen Gehöft hier unter den Hammer kommt. Wenngleich Pauls’ Wohnhaus, das im Dorf die „weiße Villa“ heißt, lange keine Farbe mehr gesehen hat, macht es noch einen soliden Eindruck und hat in Verbindung mit den übrigen Hofgebäuden fast etwas von einem Herrenhaus.

Wie ein Gutsbesitzer erscheint der Schuldner freilich nicht. Pauls wirkt übernächtigt; in seinem olivgrünen Pullover sieht er aus, als wäre er nach einem langen Arbeitstag vom Trecker gestiegen. Regungslos vernimmt er, daß die Maschinen von der Versteigerung ausgeschlossen sind („Sie kriegen also heute keinen Miststreuer mit“) und wer welche Forderungen geltend macht: Die Nord/LB will ihre 600 000 Mark plus Zinseszinsen zurück, ein privater Gläubiger fordert 22 000 Mark, die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft... Heinrich Pauls weiß nicht erst seit heute, welcher Schuldenberg auf seinem Hof lastet. Das „Verfahren“ läuft schon seit 1990.

Pauls ist ein „Zugereister“. Vor zehn Jahren ist er mit seiner Familie von der Pfalz ins Wendland übergesiedelt, hat seinen Hof in der Nähe von Ludwigshafen verkauft, um für 1,6 Millionen Mark im damaligen Zonenrandgebiet an der Grenze zur DDR einen neuen zu erwerben. Da er für den Hof in der Pfalz nicht ganz soviel bekam, wie er für den neuen im Wendland auf den Tisch blättern mußte, begann er seinen neuen Lebensabschnitt mit 500 000 Mark Schulden – ein schwerer Klotz am Bein.

In der Pfalz, sagt der Bauer, sei es ihm zu eng geworden. Nun ist das Land, das ihn umgibt, zwar sehr viel weiter, die Einheimischen aber, meint Pauls, sind dafür um so engstirniger. Sehr viel Kredit habe er von vornherein nicht bei ihnen gehabt. Als er dann in Schwierigkeiten geraten sei, habe ihm die von örtlichen Bauern getragene Raiffeisengenossenschaft gleich den Geldhahn zugedreht – mitten in der Frühjahrsbestellung.