LEINGARTEN. – Man könnte meinen, Baden-Württemberg bestehe nur aus Männern. Unter 1100 Bürgermeistern gibt es gerade drei Frauen. Wird da ein weibliches Wesen auch nur auf der Bewerberliste gesichtet, kommt das schon einer kleinen Revolution gleich. Die knapp 9000 Einwohner zählende Gemeinde Leingarten bei Heilbronn macht da keine Ausnahme. Insbesondere, wenn die Gegenkandidatin die persönliche Referentin des Bürgermeisters war.

Er ist das, was man gemeinhin „Platzhirsch“ nennt. Seit vierundzwanzig Jahren sitzt er auf dem Bürgermeistersessel. Das Lebensalter der Herausforderin übertrifft die Amtszeit ihres Konkurrenten gerade um zwei Jahre. Als ihre Ambitionen auf den Chefsessel ruchbar wurden, galt sie schnell als „karrierebewußt“, ja manchen sogar als „karrieregeil“. Zuvor arbeitete Beate Weinreuter zwei Jahre lang im Rathaus Hermann Eppler brav zu, und der Chef war’s zufrieden.

Das änderte sich allerdings dramatisch, nachdem sie ihre Bewerbung um das hohe Amt abgegeben hatte: „Ich habe aus dem Geschäftsverteilungsplan ein paar Dinge herausgenommen, von denen ich der Meinung war, daß es innerhalb des Hauses und den Bürgern gegenüber nicht vertretbar ist, wenn von ihr ... zum Beispiel die Planfeststellungsverfahren weiter wahrgenommen werden. Da wollte ich kein Risiko mehr eingehen, daß sie da etwas falsch macht.“

Von jetzt an erhielt sie keine Post mehr, aus der Stabsstelle der Gemeindeverwaltung war sie praktisch entfernt. „... Ja, nicht einmal die Gemeinderatsprotokolle durfte ich mehr schreiben.“ Denn „es kann ja wohl nicht sein, daß der Gegenkandidat daneben sitzt und über eine Gemeinderatssitzung Protokoll führt. Das hätte wohl auch in der Öffentlichkeit niemand verstanden.“

Nicht, daß die Kontrahentin etwas völlig anderes gewollt hätte für ihre Heimatgemeinde. In einer überschaubaren Gemeinde, wo beide großen Parteien gleich viele Sitze im Rathaus haben, sind die Ziele überwiegend klar. Streit gibt es meistens nur über den Weg dorthin. Selbst der Amtierende soll neuerdings sogar seine Ansichten zu Blockheizkraftwerken für neue Wohnsiedlungen geändert haben.

Nein, dieser Wahlkampf bezog seine Spannung aus anderen Elementen. Zwei Generationen, zwei Geschlechter und letztlich auch zwei generell unterschiedliche Typen stritten sich. Hier der alte, kantige Macher, oft als autoritär und undemokratisch geschmäht, der sofort um sich schlägt, wenn etwas dazwischenzukommen droht. Dort die junge Gemeindeinspektorin, die Karriere machen will, wie sie das in den achtziger Jahren gelernt hat, Nachwuchspolitikerin, dynamisch und fleißig. Sie möchte „die Bürger in die Entscheidungsprozesse im Rathaus mit einbeziehen, mehr Befragungen und Versammlungen abhalten“. So hat sie das in der Schule und auf der Fachhochschule gelernt. Ist er anpassungsfähig, wenn es um die Machterhaltung geht, so sucht sie von Anfang an die Zusammenarbeit und ist bereit, sich anzupassen: „Der Gemeinderat muß ein gleichberechtigter Partner sein.“

Und die Stimmen der Bürger: „Er hat seine Sache vierundzwanzig Jahre lang gut gemacht, dann soll er auch seine letzten acht Jahre bleiben.“ – „Er war motzig. Wenn sie wirklich hinkommt, dann hoffe ich, daß einiges besser wird. Ich jedenfalls habe sie gewählt. Es heißt doch immer: Frauen nach vorne.“