Von Ria Endres

Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam werden oft in einem Atemzug genannt, wenn es darum geht, auf ein besonders radikales Verhältnis von Dichtern zur Welt und ihrer Poesie hinzuweisen. Tatsächlich waren beide auf ganz unterschiedliche Weise außergewöhnlich mutig in ihrem Leben und erst recht in ihrem Werk. Für beide aber war ihr Schreiben kein Schutz vor Unglück, Verfolgung und Tod. Marina Zwetajewa erhängte sich 1941 in Jelabuga, zwei Jahre nach ihrer Rückkehr aus der Emigration; Ossip Mandelstam verhungerte 1938 in einem sibirischen Durchgangslager.

In den letzten Jahren sind große Anstrengungen von Übersetzern und Verlagen unternommen worden, ihre formal schwierigen und inhaltlich äußerst verdichteten Texte den deutschen Lesern näherzubringen. Jede Übersetzung kommt der Ausgrabung eines Schatzes gleich für all diejenigen, die Literatur lieben. Unter dem Titel: „Die Geschichte einer Widmung“ sind Gedichte und Prosa von beiden Autoren erschienen, die ihr Verhältnis sehr persönlich beleuchten. Ralph Dutli hat sie übertragen und herausgegeben.

Die emphatische Beziehung von Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam zur europäischen Literatur war durch Reisen nach Deutschland und Frankreich und ihre eigenwilligen Studien geprägt. Sie dienten jedoch nicht der Anhäufung professoralen Wissens, sondern galten, wie Mandelstam sagt, der Suche nach der „Mitte des Wortes“. Seine „Sehnsucht nach Weltkultur“ darf auch Marina Zwetajewa in Anspruch nehmen. Sie wollte nur Dichterin sein, denn, so schreibt sie: „Orpheus sprengt die Nationalität.“

Wodurch hielten die beiden ihr Schreiben am Leben? Ganz bestimmt durch ihre Art zu existieren. Die Werke lebender und toter Dichter galten ihnen als Nahrung, durch sie bekamen die beiden ihre Schreibenergie.

Als Mandelstam 1916 Marina Zwetajewa in Moskau aufsucht, ist er 25 Jahre alt, ein Jahr älter als sie. Er war in Petersburg unter den Zuhörern, als Marina Zwetajewa Antikriegsgedichte vortrug. Es beginnt eine Liebesbeziehung, die von Februar 1916 bis zum Juni dauert. Marina Zwetajewas Gedichtezyklus über diese Zeit umfaßt neun Gedichte, Mandelstam hat vier Gedichte geschrieben. Gerade die Fremdheit ist es, die diese Liebe entfacht hat.

Diese Liebe macht schön und stolz und trägt immer den Keim des Abschieds in sich. Marina Zwetajewa nimmt in allen Gedichten den Abschied vorweg, als hätte sie eine verborgene Angst vor Verletzungen. Eigenartigerweise kommt es dem Leser so vor, als sei Mandelstam der jüngere. Von ihm spricht sie als „Schwanenjunges“, das „verletzlich“ und „göttlich“ ist. Mandelstam erscheint ihr als ein „lieber Passant“, der beschützt werden muß. Dem Sänger droht Unheil, gerade weil er sich so sehr von anderen unterscheidet; sie schreibt orakelhaft: