Von Joachim Nawrocki

In der Bergpredigt heißt es: "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel." Aber so ist nicht die Rede von Manfred Stolpe, weiland Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche der DDR, derzeit Ministerpräsident von Brandenburg. Im sogenannten Stolpe-Ausschuß des Brandenburger Landtages, der die Kontakte seines Namensgebers zur Staatssicherheit durchleuchten soll, bleibt trotz zeitraubender und zuweilen ungeschickter Befragung der Zeugen auch nach der 25. Sitzung zu vieles im Ungewissen. Derweil belastet der Streit um die Vergangenheit erneut das Klima in Brandenburgs Regierungskoalition.

Stolpes ehemalige Führungsoffiziere, Ex-Oberst Joachim Wiegand und Ex-Oberstleutnant Klaus Roßberg, haben kleine und große Lücken in ihrer Erinnerung. Stolpe aber, der an seine Stasi-Kontakte so gut wie keine konkreten Erinnerungen hat, bietet Mutmaßungen an. Befragt nach Treffen, Begegnungsorten, den Quellen von Stasi-Informationen, der Herkunft von Papieren, blättert er in den Akten und sagt: "Vermutlich nicht, aber es ist vorstellbar" – "Ich schließe das nicht aus" – "Sehr im Bereich des Möglichen" – "Gibt’s irgendeinen Hinweis, daß ich dagewesen bin?" Das Wahrscheinliche ersetzt die Erinnerung, das Unwahrscheinliche bleibt als Hintertür.

Nur in zwei Punkten ist sich Stolpe absolut sicher: Die DDR-Verdienstmedaille habe er 1978 nicht aus Stasi-Hand erhalten, und: "Ich habe nicht einen Pfennig Geld von den Leuten bekommen." Alle Versuche, ihn als Lügner hinzustellen, werde er zurückweisen, sagt Stolpe zu Beginn seiner – nun schon fünften – Vernehmung am vergangenen Montag. Das werde fortan "etwas rauher ausfallen, als es in meiner zurückhaltenden Art bisher gewesen ist". Unter Hinweis auf Spiegel-TV, das mit neu aufgetauchten Unterlagen das Gegenteil beweisen wollte, sagt Stolpe: "Ich wundere mich, wie immer noch gewisse Medien in den Lücken der Stasi-Unterlagen schmarotzen."

Zwei Fragen standen dank Spiegel-TV im Mittelpunkt der dreizehnstündigen Ausschußsitzung. Wurde Stolpe von der Stasi am 21. November 1978 in ihrem konspirativen Objekt "Wendenschloß" in Köpenick doch eine Medaille verliehen? Und: Hat Stolpe von der Stasi Geld erhalten?

Im Belegungsplan der Villa "Wendenschloß" steht für den 21. November 1978 von 14 bis 17 Uhr: Wiegand, Roßberg, IM Sekretär, womit unstreitig Stolpe gemeint ist. Stolpes Terminkalender vermerkt für 14 Uhr "Ho." – sein Kürzel für die Stasi – und ein Kreuz. Stolpe erklärt, das Treffen könne zwar so geplant gewesen sein; da er aber schon um 15 Uhr einen anderen Termin gehabt habe, sei "nach meinen Unterlagen eine Begegnung in Köpenick am 21.11. nicht möglich gewesen. Es hat entweder keine Begegnung gegeben, oder kurz im Innenstadtbereich." Das Kreuz im Kalender bedeute, daß er die Thematik der Medaillenverleihung an Kirchenleute ansprechen wollte, ganz allgemein. Wiegand bestätigt: Eingetragene Termine seien nicht immer eingehalten worden. "Ob wir da waren, weiß ich nicht." Eine Medaille habe er Stolpe nicht übergeben. Roßberg aber hat das Gegenteil ausgesagt.

Beweisen aber die Quittungen über insgesamt 16684 Mark mit dem Vermerk "IM Sekretär", daß Stolpe Geld von der Stasi bekam? Wiegand meint, das könne vieles gewesen sein: Auslagen für Nahrungs- und Genußmittel, Hotelzimmer, Benzinkosten, Blumensträuße, Präsente. Geld habe Stolpe nicht erhalten, "von mir jedenfalls nicht". Zum Beispiel tausend Mark am 22. September 1978: "Hier wurde IM Sekretär benutzt", sagt Wiegand, "um einen Vorschuß zu haben für die Bundessynode, da gab’s jede Menge Auslagen. Die Piepen hat er nie gesehen." Von einer Bibel und einem Atlas abgesehen, die er weitergegeben habe, will Stolpe auch keine Geschenke erhalten haben: "Ob da Flaschen auf dem Tisch standen, die stehengeblieben sind?" sinniert er mit Blick auf die Quittungen.