Von Ludwig Siegele

Über die Zeremonie werden viele Nichtfranzosen den Kopf schütteln: Nachmittags am 10. März überreichten sich Studenten der Eliteschule Ecole Polytechnique in altmodischer Galauniform mit dem lustigen Zweispitz feierlich jene Fahne, die Napoleon einst dem Eleven und Physiker François Arago vermachte. Und weil die Institution zugleich ihre 200 Jahre feiert, findet der traditionelle Akt unter den strengen Augen des Präsidenten François Mitterrand statt.

Aber die Zeremonie und vor allem der bicentenaire markieren eine kleine Revolution in der langen Geschichte der größten der Grandes Ecoles jenseits des Rheins: "X", so ihr Zeichen, will sich "internationalisieren". Künftig soll ein Fünftel der rund vierhundert Studenten pro Jahrgang aus dem Ausland kommen. Derzeit ist es nur knapp ein Zehntel. Und die meisten davon stammen aus Nordafrika, nur fünf aus Europa, kein einziger aus Deutschland.

Um das Ziel zu erreichen, sind die Verantwortlichen der Ingenieurschule in dem Pariser Vorort Palaiseau sogar bereit, eine Ausnahme von einer bisher unumstößlichen Regel zu machen: Ausländische Schüler müssen sich nicht mehr wie jeder französische Abiturient durch die zweijährigen Vorbereitungsklassen und den zweiwöchigen Aufnahmetest quälen, die schon so manchen Bewerber in den Nervenzusammenbruch getrieben haben.

"Wir wollen unseren Studenten vor allem ein .internationales Bad‘ anbieten, das heute unerläßlich ist", begründet General Henri Marescaux, Direktor der Ecole Polytechnique, die Öffnung des Heiligtums der französischen Elitenausbildung, "aber sie dient auch dazu, unser Image in der Welt zu verbessern. Und die Ausländer, die wir heute zusätzlich ausbilden, garantieren Frankreich gehen. gute internationale Beziehungen, wenn sie in ihr Heimatland zurückgekehrt sind."

Solche Worte waren während der zweihundertjährigen Geschichte der Eliteschule bisher kaum zu hören. Denn sie war seit der Französischen Revolution die Kaderschmiede par excellence für den Staat und seine Unternehmen. Weil es nach den Revolutionswirren an einer wissenschaftlichen und technischen Elite fehlte, verfügte die Convention am 11. März 1794, eine "Zentralschule" für jene zu gründen, welche die "öffentlichen Arbeiten leiten".

Den Auftrag hat die Einrichtung seither voll erfüllt, auch wenn Napoleon sie 1804 zur Militärschule machte, um die damals recht aufmüpfigen Studenten zu bändigen. Ob der Überschallflieger Concorde, der Schnelle Brüter Superphenix oder der Hochgeschwindigkeitszug TGV – ohne die polytechniciens sähe die französische Wirtschaft heute sicher anders aus. Es gibt etwa kein Großunternehmen, in dem nicht ein X-Absolvent in der Chefetage sitzt.