Von Andrea Köhler

Dieses Buch, soviel ist gewiß, findet sein Theaterpublikum. Die Bühne ist bereitet, Peter von Becker als Theater-heute-Redakteur bekannt. Sein Roman verspricht Nachrichten aus der Berliner Szene-Prominenz, Brühwarmes aus der geeinten Stadt im kalten Zug der neuen Zeit. Darum die Entwarnung, die am Schluß steht, gleich voran: Es sei, bedeutet uns der Autor, "fast alles erfunden, auch wenn es das Hotel Borges wirklich gibt".

Nun gibt es, wie manch einer, der schön mal in Lissabon war, weiß, das Hotel tatsächlich. Vom Dichter gleichen Namens aber hört man, daß er mit der fabelhaften Dimension der Wirklichkeit stets ein so gewitztes Spiel trieb, daß nicht nur Gerhard Köpf meint: Borges gibt es nicht. Wer darum, und sei es nur im Nachklapp, seine Anleihe beim Meister des poetischen Vexierspiels nimmt, muß es sich gefallen lassen, daß man Vergleiche zieht. Und da zeigt sich schnell: Die nachgeschobene Beteuerung ist ein Regieeinfall, der kommt, nachdem der Vorhang schon gefallen ist. Selbst wenn fast alles frei ersponnen wär’: "Die andere Zeit" liest sich oft wie der Live-Bericht eines rasenden Reporters, der ein Jahr lang mit einem Tonband im Gehirn und Notizblock in der Tasche durch die Welt gelaufen ist – und greift im Titel doch auf: Peter Handkes pathetisches Wort von der anderen, der Jenseits-Zeit.

Sein Material ist nicht die dichterische Imagination, sondern der grobe Stoff der Gegenwart zwischen Mauerfall und Kuwait-Krise. Sein poetisches Prinzip: Darüber reden. Party-Smalltalk, Tischgespräche, Vernissagen-Klatsch und "Wurmfortsätze einer zeitgenössischen Debatte", Zeitungsmeldungen und "Tagesschau", Premierenpartys und Geburtstagsfeiern, dieses ganze Sagte-sie-und-meinte-er-Palaver und dazwischen: bekannte Film-Gesichter ("Ja, hallo Wim") und gemischte Konkurrenz-Gefühle ("der berühmteste Theaterkritiker Berlins"). Nicht langweilig, aber auch nicht gut erfunden. Dafür fehlt die Ironie.

Ein hochgespanntes, wie von Becker sagen würde: ein steil aufgezäumtes Unternehmen. 453 Seiten, drei Teile, drei Geschichten: ein Jahr, ein Tag, ein Monat. Drei Schauplätze, drei Figuren samt Freundeskreis und Familienanhang und sämtliche Probleme, Ängste, Tafelfreuden dieser andern Zeit. Kunst, Kinder und Kochrezepte, Boulevard und Bettgeflüster, Theatertips und Tote, hormonell verseuchte Babynahrung, ja überhaupt die Infektionsgefahr unserer immungeschwächten Zeit. Ozonloch, Stadtplanung und Glatzen – alles da und nichts verdichtet.

Soll das das postmoderne opus magnum sein? Ein Wendezeiten-Panorama, ein deutsches Sittenbild und west-östliches Meinungspotpourri? Eine End- und Gründerzeitrevue, ein Kuwait-Krimi, Künstler-Drama und – endlich – der Roman zur deutschen Einheit? Ein Gesellschafts-, Liebes- und Reise-Schmöker, wie der Klappentext verspricht, angesiedelt "auf der Erzählschiene zwischen Zeit- und Kulturgeschichte, zwischen Fiktion und Fakten", wie es einmal heißt? Zwischen Kitsch und Kolportage, fügen wir hinzu.

Beginnen wir mit der "Konferenz der Häute" – so hieß das in dem Lyrik-Band "Die kopflose Medusa", mit dem Peter von Becker vor vier Jahren debütierte. Dr. Gabriele Zimmer, eine attraktive Dauerwellenblonde Ende Dreißig, emanzipiert, ein Kind, geschieden, hat soeben ihren jungen "transusigen" Meeresbiologen Dr. Linderhöhl "nach einem letzten zwischenmenschlich flatterhaften Segeltörn" hinter sich gelassen, da kreuzt er in ihrer Praxis auf: Igor Patak, ein ungarorumänischer, braungebrannter Abenteurertyp, dabei Künstler mit der Aura eines Fremdenlegionärs, "ein Jünger der leichten Melancholie" mit dem Bernsteinblick der Slawen und dem "Fallenstellerlächeln" eines Mannes, der weiß, wie solch eine Melange in weißen Leinenhosen bei uns Frauen ankommt: ein "Knallfall", selbst für eine flotte reiche Zahnärztin, der die Komplimente der Männerwelt "oft genug mit leisem, lächelnden Ach heruntergehen". Ja, die meisten "dieser Geschöpfe bedeuteten für eine intelligente schöne Frau ohnehin nur eine schwer verzichtbare Zumutung". Nicht so Igor Patak, der Bote einer neuen Zeit. Am 8. November 1989 leitet er in der Zahnarztpraxis am Savigny-Platz die west-östliche Umarmung ein. Der Gute hat nur einen Fehler: Mundgeruch.