Von Ludwig Siegele

Die Spende ist rekordverdächtig: Fast sechs Milliarden Mark will die französische Regierung in den nächsten drei Jahren ihrer flügellahmen Luftfahrtgesellschaft Air France zustecken, damit sie nicht endgültig abstürzt – immerhin der Gegenwert von rund vierzig Flugzeugen des Typs Airbus A-340.

Sind die Franzosen unbelehrbar? Seit Jahren päppelt Paris seine angeschlagenen Staatsbetriebe immer wieder mit Milliardenspritzen auf. Aber diesmal, versprechen zumindest die Verantwortlichen, soll es das letzte Mal sein, um Air France rentabel und damit privatisierungsfähig zu machen. Und diese Methode soll auch die beiden anderen großen aktuellen Sorgenkinder des Staates auf Trab bringen: den Computerbauer Bull und die Großbank Crédit Lyonnais. Sogar die Wettbewerbshüter bei der Kommission der Europäischen Union in Brüssel sind offenbar davon überzeugt, daß Paris es ernst meint mit der neuen Regel: Kapitalspritze-Sanierung-Privatisierung. Er sei "wirklich beeindruckt", meinte kürzlich das Kommissionsmitglied Karel van Miert nach einem Treffen mit Bull-Präsident Jean-Marie Descarpentries und fügte hinzu: "Sie können kein Unternehmen verkaufen, daß nicht lebensfähig ist."

Obwohl die drei Staatsbetriebe in verschiedenen Branchen zu Hause sind, haben sie doch traditionell das gleiche Problem: Stärker noch als bei den anderen Unternehmen kam die Politik im Zweifel vor dem Profit. Air France war seit dem Zweiten Weltkrieg quasi eine Sonderabteilung des Pariser Außenministeriums. Bull bastelten Industriepolitiker in den siebziger Jahren aus verschiedenen kleineren Firmen zusammen, damit Frankreich seine eigene Computerindustrie hatte.

Im Fall Crédit Lyonnais vermischten sich zudem politische und persönliche Ambitionen. Unter den wohlwollenden Augen der verantwortlichen Minister versuchte Jean-Yves Haberer, bis Ende vergangenen Jahres Präsident des Instituts, aus seinem Unternehmen in Rekordzeit eine Art Deutsche Bank der Franzosen zu machen: ein Geldhaus, das sich in großem Rahmen an seinen eigenen Kunden beteiligt und überall in Europa im Massengeschäft präsent ist.

Auf dem Papier ist Haberer der Plan gelungen. Credit Lyonnais besitzt heute eine der schönsten Sammlungen von Beteiligungen jenseits des Rheins: Die Bank ist mit rund sechzehn Milliarden Mark Teilhaber an ungezählten Unternehmen. Und nach einigen Übernahmen, darunter die der BfG Bank in Frankfurt am Main, ist Credit Lyonnais zu Europas Geldhaus mit den meisten Niederlassungen weltweit geworden.

Aber der Preis, den die Bank dafür zahlen muß, ist – gelinde gesagt – hoch: Sie ist praktisch pleite. Nächste Woche wird ihr neuer Chef Jean Peyrelevade einen gewaltigen Verlust für das vergangene Geschäftsjahr verkünden, die Rede ist von bis zu sechs Milliarden Mark. Da nehmen sich die tiefroten Zahlen von Air France und Bull noch relativ bescheiden aus: 2,2 beziehungsweise 1,1 Milliarden Mark.