Von Michael Braun

Allein sein und deutsch sein“ – das ist für den Lyriker Uwe Kolbe seit je die zentrale Leidenserfahrung gewesen, der Schmerzensgrund, auf dem seine Gedichte wuchsen. In der DDR der achtziger Jahre, wo er dank seines Förderers Franz Fühmann zu frühem Ruhm gelangt war, litt Kolbe, wie er in einem Gespräch mit Elke Erb einmal gesagt hat, unter der „Kollektivlüge der herrschenden Sprache“, im Gegensatz zu seinen Generationskollegen vom Prenzlauer Berg, die ostentativ die Abkehr vom „Diskurs der Macht“ (Rainer Schedlinski) und vom „klassischen Erbe“ zelebrierten, blieb Kolbe auf Tuchfühlung mit der poetischen Tradition. Hölderlin war ihm stets näher als Welemir Chlebnikov, den Blankvers hielt er für tragfähiger als das antisyntaktische Gewirbel der klandestinen Wortspieler um Bert Papenfuß und Sascha Anderson. „Bornholm II“, der 1986 im Aufbau Verlag erschienene Gedichtband Kolbes, ist in seiner expressiven Gestik und poetischen Bildkraft der sprachmächtigste Gedichtband, der in den achtziger Jahren am Prenzlauer Berg geschrieben wurde.

Mit der größeren politischen Freizügigkeit, die dem allseits bewunderten Dichter nolens volens eingeräumt wurde, kam der Schritt in die Krise. Seit er 1987 mit einem Dauervisum die DDR verließ und zu ausgedehnten Reisen durch europäische und amerikanische Metropolen aufbrach, erreichten seine Gedichte nur noch gelegentlich die Spannkraft und Intensität der Texte aus. „Bornholm II“. Zwar ist auch in „Vaterlandkanal“, Kolbes lyrischem „Fahrtenbuch“ aus dem Jahr 1990, noch der charakteristische Hölderlin-Ton vernehmbar, jener hochgestimmte Schicksalston, der in den Gedichten durch bewußt gesetzte Stilbrüche, Schnoddrigkeiten und Vulgarismen konterkariert wird. Aber manche Texte wirken seltsam gehemmt, verkrampft vor lauter Anstrengung, die vormalige poetische Virtuosität zu revitalisieren. „Ich habe mein Land verloren“, verkündet die erste Zeile in „Vaterlandkanal“; damit beginnt die fortdauernde Suche nach Herkunft, Identität und „Zugehörigkeit“. „Sing ruhig vom kleinen Teutschland“, heißt es in einem Reisegedicht, „das einst so groß war und stolz,/und wie und woran es gestorben / und wiedergeboren verderbt.“

Als im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen deutlich wurde, woran das wiedergeborene Deutschland verdirbt, hütete Kolbe gerade seine idyllische Schreibklause in der Villa Massimo. Deutschland ist ihm die Wunde geblieben, die sich auch in den neuen Gedichten nicht schließen will. Auf das nationalistische Coming-out der deutschen Brandstifter und Asyl-Hetzer antwortete er aus Rom mit einer polemischen „Kopfstudie“, die es an aggressivem Schwung nicht fehlen läßt: „Das deutsche Idiom ist Klinge im Hals, / symmetrische Kotze, röchelnder Schlund. / Darüber dies Pumpen und Saugen, / davor das Schmatzen, das Kondensat, das spülichte Fähnchen, Dunst, der röhrt / und reihert, brüllt, und sich überschlägt, / Salto bestiale im Turnvaterland. / Ich bins satt, Landsmann zu sein.“

Leider sind solche Gedichte voll aggressiver Energie und drastischer Bildkraft im neuen Gedichtband Kolbes nur selten anzutreffen. Zwar entdeckt man da und dort geglückte Zeilen und plastische Bilder, die Kolbe aus dem Fundus des deutschen Expressionismus ins eigene Gedicht hinüberrettet: „Du schweigst aus voller Kehle. / Du kotzt Kinder aus statt zu gebären. / Wo du gehst, ists mit Fremden. Grindiges Tier.“ So kann nur ein Berlin-Gedicht beginnen, das Berlin-Gedicht eines enttäuschten Liebhabers. Aber mit gelegentlich aufblitzenden poetischen Augenblicken, einigen wunderbaren Kindheitsbildern und partiell geglückten Großstadtpoemen mag man sich bei einer großen poetischen Begabung wie Uwe Kolbe nicht begnügen.

Was zwingt den weltreisenden Poeten, sich einzureihen in die literarischen Heerscharen der Rom-Anbeter, die uns die Litanei der Ewigen Stadt in den immergleichen Varianten herunterbeten? Das überzeugendste Gedicht, das uns Kolbe von seinem Rom-Aufenthalt zurückbringt, ist ein Haiku, das alle entbehrlichen Reminiszenzen an Geschichte und Mythos der Heiligen Stadt hinwegfegte „Auf uns gekommen / ist nur die Katzenmusik / von Roms Ewigkeit.“ Das ist präziser als all die elegischen Zueignungen und Widmungen an frühere Rom-Dichter („Und o Rolf-Dieter, bewahr uns unser Arkadien“), die uns in manchem Stück Stipendiatenlyrik begegnen.

Mehr poetische Substanz steckt in Kolbes Selbstbefragungen, den Monologen vom Allein- und Ausgesetztsein, poetischen „Schattenspielen“, die sich jedoch häufig auf kaum entzifferbare, hermetische Fügungen zurückziehen. Auch hier klingt vieles holpriger und unfertiger als in den großen Gedichten aus „Bornholm II“. Dann wieder wird man überrascht von Gedichten, in denen Kolbe nicht die pathetische „Hölderlinie“ (Kurt Bartsch) zieht, sondern originäre Bilder für Einsamkeit und Ausgesetztsein findet: „Nun stehen die Toten in dir. / Nun sammelst du Zeitungsfetzen / am Fluß. Nun buchstabierst / und über du die deutsche Art. / Vormals ein Gestein, / schier unergründlich, kristallen / womöglich tiefinnen, der Einbaum / – echt afrikanisch! – jetzt / gestrandet, verkommen, verdammt.“ Die tiefen Ambivalenzen, die Uwe Kolbe bei seinen Erfahrungen mit dem „Deutsch sein“ zerreißen – man wird sie auch beim Lesen seiner neuen Gedichte nicht los.