Von Hans Harald Bräutigam

Wenn Ärzte tagen, dann geht es oft zu wie auf einem Jahrmarkt. Auch in der vergangenen Woche beim 21. Deutschen Krebskongreß in Hamburg war das nicht anders: Neue Medikamente wurden vorgestellt sowie günstige Ergebnisse von Multicenterstudien aus der ganzen Welt. Mit farbigen, fast fröhlich wirkenden Videoclips wurden Überlebensraten von Krebskranken präsentiert, die Zuhörer mußten den Eindruck gewinnen, Forscher und Krebsärzte seien der Heilung des schrecklichen Leidens ein kleines Stück nähergekommen.

Ausführlich war beispielsweise die Rede vom neuen Wirkstoff Taxol, der aus der Rinde des Eibenbaums stammt. Nach langen Mühen können die Chemiker ihn jetzt halbsynthetisch produzieren und für die Behandlung von Eierstock- und Brustkrebs zur Verfügung stellen. Die Lebenserwartung von Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom könne Taxol verlängern und die Lebensqualität verbessern, hieß es, in einzelnen Fällen werde das Leiden vielleicht sogar geheilt. Doch ob diese Hoffnung auch wirklich zutreffe, müsse sich erst noch zeigen, erklärte der Karlsruher Gynäkologieprofessor Hans-Gerd Meerpohl, der als einziger Deutscher an einer internationalen Studie zur Behandlung des Ovarialkarzinoms mitgewirkt hat.

Krebsforscher reden gerne von der Zukunft, weil ihre gegenwärtigen Therapiemöglichkeiten immer noch eher düster stimmen. Das gilt glücklicherweise nicht für alle Krebsarten. Die seltenen kindlichen Leukämien beispielsweise und andere Blutkrebse können meist durch Chemotherapie geheilt werden. Aber dieser Erfolg dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, daß mit Hilfe der Chemotherapie allein nur weniger als sechs Prozent der Krebsgeschwülste heilbar seien, mahnte der amerikanische Onkologe Thomas Smith vom Massey Cancer Center in Richmond. Der Einsatz von Zytostatika hat in den weitaus meisten Fällen nur palliative (aufschiebende) Wirkung auf das bösartige Wachstum der Tumoren.

Deshalb reden Onkologen auch so viel von Remissionsraten. Unter Remission verstehen sie das vorübergehende Zurückgehen von Krankheitserscheinungen – und genau dies ist wichtig für das Abwägen von Nutzen und Risiken der zusätzlichen (adjuvanten) Chemotherapie des Krebses. Vor der breiten Anwendung eines neuen Wirkstoffes muß geklärt sein, ob sich sein Einsatz für den Patienten überhaupt lohnt. Als sich vor vielen Jahren die Chemotherapie neben Stahl und Strahl als dritte Säule der Krebsbekämpfung etablierte, galt eine Remissionsquote von zwanzig Prozent als Kriterium für den Unterschied zwischen lohnender und nicht lohnender Therapie. „Heute ist die Grenze nach unten immer durchlässiger geworden, weil Kranke um buchstäblich jeden Preis für ihre Heilung kämpfen“, stellte die Onkologieprofessorin Else Heidemann aus Stuttgart fest.

Vielleicht haben auch manche Onkologen nicht den Mut, ihre Patienten vollständig über die relative Erfolglosigkeit der Chemotherapie aufzuklären. Viele Krebsärzte glauben auch, daß neue Wirkstoffe stets besser seien als die alten. Doch oft müssen gegen gefährliche und häufig lebensverkürzende Schäden, etwa an blutbildenden Zellen im Knochenmark, an Herz, Nieren oder Nerven, noch weitere Arzneimittel und Therapien eingesetzt werden. Diese erhöhen zwar die Lebensqualität der „geschenkten Monate“, verteuern jedoch die Krebstherapie massiv.

Allerdings werden die Ärzte in ihren Entscheidungen für ein bestimmtes Therapieregime von den Experten alleingelassen: Verbindliche Standards existieren nicht. Die gibt es nur bei den Chirurgen für Ausdehnung und Radikalität eines operativen Eingriffe beim Krebs.