Für einen engagierten Tierpfleger ist es keine Frage: Gorillas sind Persönlichkeiten. Sie haben ein Selbstbild, ihren eigenen Willen, Empfindungen und Vorstellungen. So können sich zum Beispiel Gorillas - wie auch Schimpansen und Orang Utans - in ihrem Spiegelbild erkennen, und sie benutzen es sogar, um etwa ihr Gebiß zu inspizieren oder einen Fleck von ihrer Stirn zu wischen. Doch nicht nur bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich entdecken wir solch menschliche Eigenschaften. Auch ein treuer Blick aus Hundeaugen überzeugt fast jeden Hundehalter vom reichen Gefühlsleben seines Lieblings. Was geht in den Köpfen der Tiere aber wirklich vor? Haben sie gar eine Art von Bewußtsein, wie der Journalist Volker Arzt und der Verhaltensforscher Immanuel Birmelin fragen?

Wissenschaftler sind da eher skeptisch, und das aus gutern Grund. Wir Menschen neigen nun einmal dazu, Tiere zu vermenschlichen. Je vertrauter und vernünftiger uns das Verhalten von Tieren erscheint, desto bereitwilliger unterstellen wir ihnen Gedanken, Gefühle und absichtsvolles Handeln. Wie leicht man sich dabei täuschen kann, zeigen zum Beispiel brütende Graugänse:

-, We rin eiiiej ljpaih; E| aisJeJjpt JcuJ e;$, rollt sie, es sogleich mitaMero Schriäbel zurück. Das sieht ganz nach bewußtem Handeln aus. Doch als neugierige Forscher Tennisbälle und Bierflaschen bereitlegten, holten die Gänse auch diese Gegenstände in ihr Nest. Dabei haben Gänse vorzügliche Augen und können Gänseeier von Bierflaschen mühelos unterscheiden. Offenbar überlegen die Gänse also nicht lange, sondern verlassen sich einfach auf ein ererbtes Verhaltensprogramm.

Das heißt freilich nicht, daß Gänse in anderen Situationen aufs Nachdenken verzichten. Doch wie kann man feststellen, ob sie dabei auf bewußte Weise handeln? Auch Volker Arzt und Immanuel Birmelin wissen, daß sich dieser Begriff einer befriedigenden Definition hartnäckig entzieht. Bewußtsein bleibt immer subjektiv. Dennoch gehen wir stillschweigend von der Annahme aus, daß unsere Mitmenschen ein Bewußtsein haben wie wir selbst. Entsprechend, so meinen die Autoren, sollte es auch bei Tieren genügen, bewußtes Erleben als plausibel nachzuweisen. In einem abwechslungsreichen Streifzug quer durchs Tierreich, der von Löwen im Zirkus, Meerschweinchen im Wohnzimmer, von Elefanten im Zoo und Mantelpavianen in der arabischen Wüste erzählt, tragen sie zu diesem Zweck vielerlei Beobachtungen und Forschungsergebnisse zusammen.

So beschäftigen sie sich etwa mit dem Schmerz, den auch Tiere kennen. Wenn ein Hund in eine Glasscherbe tritt, jault er laut auf, leckt sich die verwundete Pfote und humpelt davon. Daß er sein Mißgeschick bewußt erlebt und erleidet, klingt durchaus plausibel. Lehrt ihn der Schmerz - wie uns Menschen - künftig besser aufzupassen? "Nichts ist geeigneter", meinen dazu Arzt und Birmelin, "solche vorausschauende Vor Sicht zu fördern als ein extrem unangenehmes Gefühlserlebnis - eben Schmerz. Ein genial einfaches Konzept. Warum sollte die Natur es ausschließlich uns vorbehalten?" Doch gleichzeitig wissen die Autoren: "Wie sich dieser Schmerz für ein Tier anfühlt, ist nicht zu beantworten - nicht einmal bei unseren Mitmenschen wissen wir das "

Klar ist nur: Wer stumm bleibt wie ein Fisch, erntet wenigejVMifleid -, Spürt etwa eine zappelnde Forelle schmerzhaft, wie sich der Angelhaken immer tiefer in ihren Gaumen bohrt? Leiden Tintenfische Todesqualen, wenn sie aus dem Wasser gezogen werden und langsam ersticken, ehe sie in die Friteuse wandern? Auch das können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Zweifellos aber sind die Tintenfische mit ihren geistigen Fähigkeiten vielen Wirbeltieren ebenbürtig. Der im Mittelmeer heimische Octopus vulgaris kann zum Beispiel durch bloßes Beobachten lernen: Einer dieser Kraken wurde darauf dressiert, eine rote Kugel von einer weißen zu unterscheiden. Wenn er mit seinen saugnapfbewehrten Fangarmen die rote Kugel umschlang, gab es zur Belohnung einen Happen Fisch. Währenddessen saß in einem angrenzenden Aquarium ein anderer Krake und schaute zu. Dieser Anschauungsunterricht war überraschend erfolgreich - der zweite Krake lernte seine Lektion anschließend viermal so schnell wie sein Vorgänger. Eine erstaunliche Leistung, denn wer einen Artgenossen nachahmt, muß sich in gewisser Weise damit identifizieren, was der andere tut - und es braucht zumindest ein vages Wissen um die eigene Identität. Wer hätte dem achtarmigen Meerestier so etwas zugetraut?

Daß auch Affen durch Beobachten lernen, verwundert weit weniger; ihre Begabung zum "Nachäffen" ist ja geradezu sprichwörtlich. Doch die großen Menschenaffen können noch viel mehr, zum Beispiel eine einfache Zeichensprache erlernen. Der Zwergschimpanse Kanzi versteht sogar gesprochene englische Wörter und kann sie mit bestimmten Symbolen verbinden. Diese Symbole stehen auf einer tragbaren Computertastatur, auf der Kanzi verblüffend virtuos herumtippt. Spontan verknüpft er Symbole zu kurzen Sätzen, die neuartige Informationen vermitteln. Seine sprachlichen Fähigkeiten lassen sich mit denen eines zweijährigen Menschenkindes vergleichen. Volker Arzt und Immanuel Birmelin sehen sprachliche Verständigung aber keinesfalls als einzigen Schlüssel zur Gefühls- und Gedankenwelt der Tiere: "Die Tatsache, daß wir Menschen in Worten ausdrücken können, was wir bewußt erleben, sollte uns nicht zu dem Umkehrschluß verleiten, daß ohne Spräche kein Bewußtsein möglich sei "