Was waren das für Zeiten, da man beim Radio noch ohne vorproduzierte Bänder arbeitete, die Orchester live im Studio aufspielten, Moderatoren noch Conferenciers waren und selbst die Geschichtenerzähler ohne Manuskript auskamen. Das war in Amerika nicht anders als in Deutschland. Doch drüben war alles ein bißchen wilder, schöner, fabelhafter. Das Radio in Amerika war in den dreißiger und vierziger Jahren Music Hall, Theaterbühne, Kino, Kirche und Sportplatz in einem, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, ein Wunderland der Träume, Kuriositätenkabinett, Rummelplatz der Kleindarsteller, kurz: das Herz der Welt.

Wie herz- und märchenhaft es damals zuging, zeigt der neue Roman des amerikanischen Schriftstellers, Gospelsängers und Vollblutmoderators Garrison Keillor "Radio Romance" (aus dem nitive Liebeserklärung ans Medium des gesprochenen Worts. Die Serie höchst wundersamer Geschichten rund um den Sender WLT in Minneapolis ist ganz der literarischen Tradition eines mündlichen Erzählsounds verpflichtet.

Und so sind wir eigentlich eher Zuhörer als Leser von Garrison Keillors "Radio Romance", einer scharf geschnittenen Episodensammlung im Dreiminutentakt. Wir zittern mit dem Moderator, dem plötzlich die Stimme wegbleibt und dem weder Gurgeln noch Chilischoten oder Birkenrindentee helfen. Wir bangen mit dem Sprecher, der von einer einsatzbereiten Gospeltruppe zum schnelleren Lesen gezwungen wird, indem sie ihm ein Feuerzeug unters Manuskript hält. Wir leiden mit Buddy, der herzzerreißende Lieder über kranke Kinder mit saufenden Vätern singt. Wir zittern mit dem blinden (!) Sportreporter Bück, der so phantastisch über ein Baseballspiel berichtet, daß die neidischen Kollegen von der schreibenden Zunft ihm mit einem Drahtbügel das Mikrophon wegschnappen wollen. Und wenn die Radio Cowgirls oder die Shepherd Boys aufsingen (Songtexte werden mitgeliefert), schmelzen wir endgültig dahin. Ganz zu schweigen von den amourösen Abenteuern, die sich in den live und improvisiert dargebotenen Soap operas wie auch außerhalb der Studios abspielen. Ich sage nur Patsy Konopka. Wie sie sich dank raffiniertester weiblicher List ihren Radiomann und somit einen der heiß begehrten Arbeitsplätze im Sender erobert, ist ziemlich spektakulär "Radio Romance" ist so herrlich sentimental wie Woody Allens Film "Radio Days", so vielstimmig erzählt wie Nik Cohns Liebeserklärung an den Broadway, ein anderes "Herz der Welt". Hajo Steinen