Noch nie seien sich alle Beteiligten so nahe oder sogar einig gewesen wie jetzt, nicht nur über die Notwendigkeit, das Bildungswesen zu erneuern, sondern auch über die Richtung der Reformen. Trotzdem kommen sie kaum voran. Dies ist die Ansicht von Norbert Lammert, parlamentarischer Staatssekretär beim Bonner Bildungsministerium.

Er begründet dies in seinem letzten Buch, das auf gerade 200 Seiten in gedrängter Form und unaufgeregtem Ton so gut wie alle aktuellen Mißstände beschreibt: Die desolate Häuptschule und die von Auszehrung bedrohte Berufsbildung fehlen ebensowenig wie das inflationäre Abitur, die überlaufenen Hochschulen und die noch leidlich funktionierende Weiterbildung. Viele aufschlußreiche Zahlen aus dem statistischen Fundus des Ministeriums runden die Bestandsaufnahme der Mängel ab.

Zwar berührt Lammert auch heiße Eisen wie das Verhältnis von Autorität und Erziehung oder die Frage, ob Bildung weiter zum Nulltarif vermittelt werden kann. Aber das Schwergewicht liegt auf der Darstellung des ganzen Dickichts der Probleme. Am besten ist Lammerts Buch dort, wo er aus der Lagebeschreibung ein knappes Fazit zieht. Entgegen ihrer Selbstetikettierung, resümiert er zum Beispiel, organisiere sich unsere Gesellschaft "nicht als eine Leistungsgesellschaft, sondern als eine AbSchlußgesellschaft: Sie honoriert die Beschäftigten im wesentlichen nach den Ausbildungsabschlüssen, die sie mitbringen, und nicht nach den Leistungen, die sie tatsächlich erbringen "

Wenn aber die Mängel so offenkundig sind, wer durchbricht die gegenseitige Blockade? Das ist die wiederum nicht neue Kardinalfrage, die auch Norbert Lammerts Buch aufwirft - ein Buch, das als Selbstanzeige eines Bildungspolitikers noch sympathischer wäre, wenn es nicht nur auf diese Frage hinausliefe, sondern die Lähmung der Bildungspolitik ein wenig überwinden würde.