Von Peter Gosztony

Nach dem Frontwechsel des deutschen Verbündeten Italien vermerkt Joseph Goebbels am 23. September 1943 in seinem Tagebuch: „Was nun die Verratsmöglichkeiten bei den anderen Satellitenstaaten anbelangt, so möchte Horthy zwar gern abspringen: aber der Führer hat schon die nötige Vorsorge dagegen getroffen!“ Und über den amtierenden ungarischen Ministerpräsidenten schrieb er wütend: „Kállay ... ist ein ausgemachtes Schwein. Aber er verrät sich nicht: er ist vorsichtig, sich eine Blöße zu geben. Infolgedessen müssen wir vorläufig gute Miene zum bösen Spiel machen...“

In der Tat: Es kriselte schon lange in den Beziehungen zwischen dem Großdeutschen Reich und dem Königreich Ungarn. Beim Feldzug gegen die Sowjetunion hatten die Ungarn viel zu lange gezögert und ein eher bescheidenes Militärkontingent gestellt. Vor allem aber: Adolf Hitler mochte immer weniger den Reichsverweser Miklós von Horthy. Der Grandseigneur, ehemaliger Admiral der österreichisch-ungarischen Flotte, ein konservativer Staatsmann, der sich zwar gerne als Vorkämpfer gegen den Bolschewismus gebärdete, galt in den Augen des „Führers“ als Überbleibsel der ihm verhaßten Habsburger Monarchie.

Deutschland und Italien hatten zwischen 1938 und 1940 den Ungarn geholfen, beträchtliche Teile ihres nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Staatsgebietes zurückzugewinnen. So wurde Ungarn zu einer „mittelgroßen Macht“ im Donauraum. Die Bevölkerungszahl hat sich von 7,6 Millionen 1937 bis Ende 1941 verdoppelt; das Staatsgebiet wuchs von 93 000 auf 172 000 Quadratkilometer. Ungarn hat jedoch kein Militärbündnis mit Deutschland geschlossen. Somit konnte das Land seine Souveränität bis zum 19. März 1944 vor Deutschland bewahren. Es gab noch eine bunte Parteienlandschaft: ein Parlament, in dessen Oberhaus auch Juden ihren Platz hatten, eine sozialdemokratische Partei, Gewerkschaften und eine zwar eingeschränkte, aber doch liberale Presse!

Im März 1942 ersetzte Reichsverweser Horthy seinen prodeutschen Ministerpräsidenten, László von Bärdossy, jenen Staatsmann, der es fertiggebracht hatte, in einem halben Jahr Ungarn mit der Sowjetunion, mit Großbritannien und mit den Vereinigten Staaten von Amerika in Kriegszustand zu bringen. Sein Nachfolger, Miklós von Kállay, ein Vertrauter des Reichsverwesers, Landwirtschaftsfachmann und Gutsbesitzer, wollte die Bindung zum nationalsozialistischen Deutschland allmählich lockern. Ihm wie auch Horthy war schon Mitte 1942 klargeworden, daß Deutschland den Krieg nicht gewinnen könne. Seit Herbst 1942 versuchte er, geheime diplomatische Verbindungen zu den Westmächten zu knüpfen; von Stalin wollte er jedoch nicht einmal hören! Fälschlicherweise nahm er an, auch die angelsächsischen Mächte würden es begrüßen, wenn im Donauraum neben der ungarischen Trikolore nur das Sternenbanner und der Union Jack wehten.

Im Januar 1943 ging dann die ungarische 2. Armee am Don infolge einer Großoffensive der Roten Armee „mit Mann und Maus“ unter. Kállay sträubte sich gegen neue militärische Einsätze. Im April 1943 verlangte dann Hitler, Kállay wegen seiner „defätistischen Politik“ zu entlassen. Außerdem forderte er von Horthy die „radikale Lösung“ der Judenfrage in Ungarn und ein stärkeres Engagement für den Krieg. Horthy aber dachte nicht daran, Hitlers Wünsche zu erfüllen. Kállay blieb weiterhin sein Vertrauter und Ungarn eine Oase von Flüchtlingen aus ganz Europa. Britische, französische, ja auch sowjetische Kriegsgefangene, die sich bis Ungarn durchgeschlagen hatten, durften unter sehr humanen Begleiterscheinungen im Königreich verbleiben. Juden aus Rumänien und der Slowakei (wo die Deportationen nach Auschwitz schon im Gange waren) wurde Asyl gewährt.

Die Londonder polnische Exilregierung hatte einen regelrechten Kurierdienst via Ungarn nach Polen eingerichtet, also in deutsch verwaltetes Gebiet. Das geschah mit Duldung des ungarischen Innenministers Ferenc Keresztes-Fischer, eines konservativen Nazigegners. Er ließ sogar den Goebbel’schen Ufa-Hetzfilm „Jud Süß“ in Ungarn verbieten. Sein Vorwand: Man müsse im Krieg die gesellschaftliche Ruhe und Ordnung bewahren. Er ging aber gleichzeitig mit eisernem Besen gegen die ungarischen Faschisten vor und verfolgte auch die (politisch völlig bedeutungslose) illegale Kommunistische Partei. Die ungarischen Juden – etwa 800 000 Seelen – hatte man, auf deutsches Drängen, in ihren bürgerlichen Rechten stark eingeschränkt; sie galten als „Bürger zweiter Klasse“, aber ihr Leben war ungefährdet.