Wir sind viel zu nachsichtig gewesen mit ihnen. Wir waren großmütig und barmherzig zu den verdorbenen Greisen, die unser Land in das Verderben getrieben hatten, zu den Stasi-Knechten und Handlangern der SED, zu den Mitläufern in den Blockparteien, zu den Nutznießern des Mangels. Wir waren vor allem zu nachsichtig mit uns selbst. Wer will schon zugeben, daß er ein Rädchen in einem absurden Mechanismus war, eine kranke Zelle in einem verfaulten Leib. Wer will schon seine Angst eingestehen, sein Versagen, seine Schwäche, seine Gleichgültigkeit...

Zu meiner Erinnerung an die DDR gehört aber auch, daß ich in einem langen, mühevollen Prozeß gelernt habe, ohne Angst zu sein. Ich habe gelernt, Widerspruch zu wagen, und das, was ich denke, unbedingt und ohne Furcht auszusprechen. Ich habe gelernt, immer und überall das zu tun, was ich für richtig halte, und mein Recht in Anspruch zu nehmen, Fehler zu machen und mich zu irren. Vor allem aber habe ich gelernt, „Ich“ zu sagen und allem Wir-Gefühl zutiefst zu mißtrauen. Das sind Errungenschaften, die ich nicht missen möchte, sie haben mir Mühe und Qual genug gemacht. Diese Erinnerung will ich leben.

Konrad Weiß, Bundestagsabgeordneter Bündnis 90/Grüne in einer Rede über Deutschland, gehalten in Dresden