Von Gert Kaiser

Das öffentliche Mißvergnügen an den Geisteswissenschaftlern beruht nicht nur auf ihrem massenhaften Vorkommen. Schlimmer ist, so die populäre Meinung, daß mit ihrer wachsenden Zahl das abnimmt, was man von ihnen erwartet, nämlich öffentliche Orientierung.

Die bisweilen brillanten Rettungs- und Begründungsversuche der Geisteswissenschaften haben sie zwar akademisch gestützt, ihnen aber keine nennenswerte öffentliche Bedeutung verschafft. Eines der wichtigsten Unternehmen dieser Art ist im übrigen von ihnen fast nicht wahrgenommen worden. Vielleicht, weil es nicht aus ihrer Zunft kam, sondern von einem Dichter.

Kurz vor seinem Tod begründete Friedrich Dürrenmatt, warum er sich als Schriftsteller mit Naturwissenschaften beschäftigte: „Die Welt dramaturgisch in den Griff zu bekommen, das geht heute ohne Beschäftigung mit der Wissenschaft überhaupt nicht. Was die Welt verändert, ist doch nicht die Politik oder Kunst, sondern eben die Wissenschaft. Die zweite, die naturwissenschaftliche Kultur ist heute das Entscheidende. Die Politik hinkt nach... Die Schriftsteller, die aus Vorsatz naturwissenschaftlich ungebildet sind, verstehe ich nicht.“ Dürrenmatts Axiom ist schlicht und brachial: „Die zweite, die naturwissenschaftliche Kultur ist heute das Entscheidende.“ Da macht einer deutlich, warum die alleinige Lektüre der sogenannten schönen Literatur zunehmend schwerfällt.

Schließlich wird unsere Zukunft voraussichtlich geprägt durch die Gentechnik, die Veränderung herkömmlicher Arbeits- und Wohlstandsformen, die Nachbildung neuronaler Netze, durch ethnische und religiöse Grundwellen, das Verhältnis der Armen dieser Welt zur Zeugung von Kindern und durch unsere Fähigkeit, die Sonnenenergie besser zu nutzen – all das nur beispielshalber.

In unserem interdisziplinären Wissenschaftszentrum arbeiten Physiker, Volkswirte, Chemiker, Theologen, Mathematiker, Literaturwissenschaftler, Journalisten. Wir recherchieren gemeinsam „Zukunftsthemen“, bringen dazu Experten zusammen, diskutieren, streiten und suchen dann den Dialog mit der Öffentlichkeit. Ich bemerke täglich, wie weit ich mit meiner geisteswissenschaftlichen Bildung komme: Wo sie sich nicht auf das Dürrenmattsche Postulat einläßt, reicht sie gerade für einige intelligente Kritik, ist auch einmal gut für ein historisches Aperçu oder einen dialektischen Einfall.

Es hilft wenig, die Ehrwürdigkeit solcher Sinnkrisen und die Beispiele dafür zu kennen. Die Frage bleibt: Vermögen Romane, Gedichte, bildende Kunst der Gegenwart und vor allem die Wissenschaften von ihnen etwas Belangvolles beizutragen zum Verstehen dieser Welt? Und nicht nur, daß sie als vertraute Erinnerungen, vergleichbar Teddybären, dienen in einer fremden Welt, wie es Odo Marquard formuliert.